[ jfsl.doc ]

bildschirmtexte

zur 5. tagung des jungen forums

slavistische literaturwissenschaft

in muenster, september 2002


 

Aida Hartmann (Mannheim)

 

Zur Axiologie der Ehre in Lev Tolstojs Chadži-Murat

Open as PDF

druckversion

1.

Die 1912 posthum veröffentlichte Erzählung Chadži-Murat setzt die lange Tradition der russischen Kaukasus-Literatur (1) fort, die im 19. Jahrhundert durch Puškin, Bestužev-Marlinskij und Lermontov etabliert wurde.

Sie ist nicht der einzige dem Kaukasus-Thema gewidmete Text von Tolstoj (2), wohl aber derjenige mit der längsten Entstehungsdauer. Überliefert sind zehn Redaktionen von Beginn der Arbeit im Juli 1896 bis zu ihrem Abschluss 1904. Dieser Überarbeitungsprozess war durch intensives Studium von Archivmaterialien und historischer Publikationen begleitet, dessen Ergebnisse in Form von authentischen Ereignissen und Personen in die Erzählung eingeflochten wurden (3). Eine Inhaltsangabe hat der Schriftsteller bei einer Gelegenheit wie folgt diktiert (4):

"Dies ist die Geschichte über Chadži-Murat: Er war ein tapferer Aware, der eine Zeit lang der russischen Regierung diente. General Klügenau, der mit der russischen Armee in Awarien stand, wurde überbracht, dass Chadži-Murat den Russen untreu geworden sei. Klügenau erließ den Befehl, Chadži-Murat zu verhaften, in Fesseln zu legen und ihn zu ihm zu bringen. Doch Chadži-Murat sprang während der Überführung von einem hohen Felsen und riss den ihn begleitenden Soldaten in den Tod. Er selbst blieb am Leben, erlitt aber schwere Verletzungen und einen Beinbruch. Nach der Genesung ergab er sich Šamil' und trat in seine Dienste ein. Er war einer der mutigsten und tapfersten Naips [Stellvertreter, A.H.] und führte glorreiche Überfälle auf russische Besitzungen aus; doch er geriet mit Šamil' in Streit, woraufhin er 1851 zu den Russen überlief. Er floh aus der Stadt Nucha, die ihm als Aufenthaltsort zugewiesen wurde und in der er sich sehr nach seiner in Šamils Geiselhaft zurückgebliebenen Familie sehnte, in die Berge, wurde von den ihn verfolgenden Kosaken eingeholt, leistete gemeinsam mit seinen Müriten [Gefolgsmännern, A.H.] verzweifelten Widerstand und wurde getötet." (Originalzitat)

Die Rezeptionsgeschichte dieser Erzählung hebt u.a. Tolstojs Faszination für Menschen hervor, die von der Zivilisation unverdorben zu sein schienen, was in der kontrastierenden Darstellung der russischen Oberschicht und der naturverbundenen Kaukasier (Tschetschenen und Awaren) zum Ausdruck gebracht wurde. Zudem wurde mehrfach konstatiert, dass der Schriftsteller bei der Konzeption seiner Titelgestalt die Idee des tragisch-prometheischen Schicksals (5) zugrunde legte. Da Tolstojs episches Talent mehrmals mit dem Homers verglichen worden ist (6), sei im vorliegenden Zusammenhang auf die Äußerung von Harold Bloom hingewiesen, für den Chadži-Murat "alle Tugenden von Odysseus, Achilles und Aeneas, aber keinen einzigen ihrer Makel verkörpert." (Bloom 1994: 337) (7)

Im Folgenden soll die Figur Chadži-Murat in Anknüpfung an diese Konzeption der tragischen Heroik in Bezug auf die Frage untersucht werden, inwiefern sein Handeln dem agonalen Streben nach Ehre und Ruhm entspricht. Die dem Vorgehen zu Grunde liegende These lautet: Für die Darstellung der Handlungs- und Verhaltensweisen Chadži-Murats legt Tolstoj die Axiologie der Ehre als zentrales Element zu Grunde. Als Mitglied eines Kulturkreises, der sich im ethno-anthropologischen Sinne als einehonor-and-shame-society charakterisieren lässt, hat er die auf Ehrerhaltung basierenden Verhaltensnormen verinnerlicht, so dass sie Bestandteil seiner Identität sind und sich in seinen Handlungsstrategien widerspiegeln.

 
Exkurs: Über soziologisch-anthropologische Ehre-Forschung
 
"Über 'Ehre' identifiziert sich das Individuum als Mitglied der Gruppe, die ihm ihrerseits 'Status', d.h. Würde und Wert in den sozialen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Gruppe verleiht; der funktionelle 'Preis' besteht in der Kontrolle der Moral mittels Sanktionsmechanismen, deren ausgeprägteste Stufe in der Entwicklung und Handhabung von 'Ehrenkodizes' zum Ausdruck gebracht wird." (Zingerle 1992: 21)

Der Begriff honor-and-shame-society wurde erstmalig in der Anthropologie (8) zur Beschreibung mediterraner Kulturkreise geprägt, welche sich durch eine ländlich-agrarische und patriarchale Struktur auszeichnen und infolge der besonderen geographischen und historisch-politischen Gegebenheiten eine Sippen- bzw. stammesrechtliche Organisation erhalten haben. Dabei entwickelte sich ein System von Werte- und Verhaltensnormen, innerhalb dessen der Ehrenkodex als "sozialer Ordnungsfaktor" sein Primat vor dem "rechtlich festgelegten Gewaltmonopol des institutionellen Flächenstaates" (Giordano 1994: 172) bewahrt hat. Aus kulturanthropologischer Perspektive handelt es sich bei solchen Gesellschaften um historische Überbleibsel jener archaisch-patriarchalen Schamkulturen, denen modern-westliche Schuld- bzw. Gewissenskulturen gegenüberstehen (9). Der Ausgangspunkt für diese Entgegenstellung waren Bestrebungen, "jene primitiven Kulturen, in denen die Menschen sich konform nur verhalten in Bezug auf 'forces which must be set in motion by others', von denjenigen zu unterscheiden, die soziale Konformität auch in Abwesenheit äußerer Sanktionsmächte sicherstellen können" (Neckel 1991: 47).

Wesentlich bei der historischen Unterscheidung von Scham- und Schuldkulturen ist, dass der zivilisatorische Prozess infolge der Errichtung und Etablierung von Rechtsnormen von der ersteren zur zweiten Form verlief. Am Ende dieser Entwicklung steht das moralische Individuum, das sich in seinem Handeln von der inneren Gewissensstimme Orientierung vorgeben lässt. Gleichwohl verschwindet mit der Herausbildung des Schuld- bzw. Gewissensbegriffs derjenige der Scham nicht, es bilden sich lediglich unterschiedliche Sphären ihrer Wirkung heraus (Arutjunova 2000: 57). Diese Erkenntnis ist die konstruktive Konsequenz, mit der die neueren kulturanthropologischen Untersuchungen der berechtigten Kritik an der ursprünglich rigiden Polarisierung der Begriffe Scham und Schuld begegnet sind und weitaus differenziertere Ansätze geliefert haben (10).

Die Hauptmerkmale einer Kultur- und Ethnosphäre, in welcher das praktische Verhalten der Menschen auf Scham und Ehre ausgerichtet ist, sind u.a. eine ausgeprägte agonale Komponente (körperlicher und/oder moralischer Wettkampf), die aus dem Zwang zur permanenten Selbstbehauptung vor der Gemeinschaft resultiert, sowie Selbstjustiz als verbreiteter, sozial geduldeter Konfliktregelungsmechanismus (Vendetta, Blutrache).

Diese Merkmale sind als Bestandteile des kaukasisch-orientalischen Weltmodells in Chadži-Murat erkennbar, weshalb durch eine Rekonstruktion dieses Weltmodells eine honor-and-shame-society zum Vorschein kommt. Als dessen Repräsentant gilt der Titelheld der Erzählung, dem ich mich im Folgenden zuwende.

 
2. Chadži-Murat als Verkörperung der heroischen Ethik
 
"Magnificent in his sense of force, like Achilles, Hadji Murad is mature, unambiguous, potent without savagery. More sublimely vital than Achilles, he equals Odysseus in craft and diplomacy. Like Odysseus, he desires to get home to his woman and children. He fails in his quest, as Odysseus did not, but Tolstoy gives us an apotheosis of the hero, not a lament for his defeat." (Bloom 1994: 338)

Als zu Beginn der Erzählung Chadži-Murat während seiner Flucht in einem tschetschenischen Dorf einen Führer sucht, der seinen Boten zu den Russen bringen soll, trifft er auf einen Tschetschenen, der ein Entgeld für seine Dienste ausdrücklich ablehnt, weil "ihm am Geld nichts liege und er um der Ehre willen bereit sei, Hadschi Murat zu dienen" (Originalzitat) (16) (11).

Aus dieser Replik spricht großer Respekt für den nächtlichen Gast und tatsächlich wird die Achtbarkeit Chadži-Murats im Text konsequent herausgearbeitet und von seinen eigenen Stammesangehörigen wie von den Russen gleichermaßen bestätigt. Die Gesamtheit der Stimmen, die ihr Urteil über ihn äußern, repräsentiert die öffentliche Meinung - die zentrale Instanz zur Bestätigung des sozialen Wertes einer Person. Es gibt kein effektiveres Mittel, dieser Reputation das Gewicht der Objektivität zu verleihen, als sie - wie es Tolstoj tut - gerade von der gegnerischen Seite bestätigen zu lassen: "Das ganze Diner ging in Gesprächen über Hadschi Murat dahin. Alle lobten seinen Mut, seine Klugheit, seine Großmut" (Originalzitat) (66).

Die drei Eigenschaften: Mut, Klugheit und Großmut (chrabrost', um, velikodušie) konstituieren das männliche Ideal agonaler Kulturen, dem Gesemann (1946) in seiner Untersuchung über die montenegrinischen Bergstämme die Bezeichnung Humanitas heroica verliehen hat.

Den Beweis von Chadži-Murats Tapferkeit und zugleich die Hauptquelle seiner Reputation bildet der kriegerische Ruhm, den er sich im jahrelangen Kampf gegen die russischen Eroberer im Kaukasus verdient hat.

Nicht zuletzt haben seine Kühnheit und Geschicklichkeit bei Angriffen und Beutezügen ihm den angesehenen Rang eines Naip - des Stellvertreters des Imam Šamil' - eingebracht. Dieser Status ist nicht bloß mit Ausübung von Macht, sondern auch mit Erlangung von Gütern verbunden. Der hauptsächlich durch Beutezüge erworbene Reichtum stellt einen ehrenvollen Bestandteil des Lebenserhalts der gentilen Gemeinschaft dar. In einer Abhandlung über das Leben und die Sitten der Tschetschenen aus dem 19. Jahrhundert heißt es (12): "Die Tschetschenen dulden keinen Diebstahl und Raub untereinander. [...] Doch so sehr die Raubüberfälle auf eigene Stammesgenossen von ihnen geächtet werden und daher selten vorkommen, umso ehrenwerter sind hingegen die, die sich gegen feindliche Nachbarn und russische Gebiete richten. [...] Unter Tschetschenen genießt große Achtung, wer Lokalitäten innerhalb des russischen Territoriums kennt, die sich zur Ausführung von Raubzügen eignen." (Originalzitat)

Die Aufteilung der Beute und der individuelle Anteil an ihr (dobyča) stellen bekanntlich den Ehrenlohn des archaischen Kriegers dar, der darin "eine Bevorzugung, eine Anerkennung des Ruhms und der Tapferkeit" (Hegel 1835: 614) sieht.

Chadži-Murats Hochherzigkeit (velikodušie) kommt hingegen v.a. in solchen Gesten zum Ausdruck, in denen er sich großzügig und menschlich zeigt, so etwa, wenn er dem halbwüchsigen Sohn des Ehepaars Voronzov seinen Dolch schenkt und erklärt, "daß sein Gesetz ihm vorschreibe, alles, was der Kunak [Gast, Freund; A.H.] lobe, diesem Kunak zu schenken" (Originalzitat) (48). Auch sonst quittiert er die Überraschtheit seiner russischen Gastfreunde angesichts seiner Freigebigkeit mit dem Hinweis: "So muß [es] sein. So ist der Brauch" (139). (Originalzitat)

Die Berufung auf solche außerindividuellen Instanzen wie Gesetz (zakon) und Brauch (adat) signalisiert ein Bewusstsein, das sowohl das kollektive Ideal eines der Ehre angemessenen Verhaltens widerspiegelt als auch die Selbstbestätigung für die eigene Konformität generiert. Dieses Ideal reproduziert nicht nur Tolstojs Hauptheld, sondern auch die anderen dem kaukasischen Kulturmodell zuzuordnenden Nebenfiguren: "Sado wußte, daß er sein Leben aufs Spiel setzte, wenn er Hadschi Murat aufnahm [...] Sado hielt es für seine Pflicht, seinen Gast zu schützen, selbst auf Kosten seines eigenen Lebens, und er freute sich über sich selber, er war stolz, daß er so handelte, wie er es für richtig hielt" (Originalzitat) (19). Die sich durch Gaben und/oder Loyalität manifestierende Achtung eines Freundes oder Gastes steht im Kontext einer patriarchalen Wert- und Pflichtlehre, die die Unverletzlichkeit des Gastrechts nicht nur aus altruistischen Motiven, sondern auch als Quelle der eigenen Ehrbarkeit hochhält.

 
2.1. Der patriarchale Agon: die Rivalität zwischen Chadži-Murat und Imam Šamil'

 

"Ehre ist nichts Statisches, sondern etwas Dynamisches, das schwankt. Der Zeiger auf der Kontrolluhr der Ehre zittert ständig. Man hat sie täglich und in bewegten Zeiten stündlich zu wahren. Ein Fehlgriff und der Zeiger sinkt erschreckend. Daher die angespannteste Selbstaufsicht dieser Menschen. Der agonale Mensch muß immer 'in Form sein'. Es gibt keine Ab- und Ausspannung. Daher ist in allen solchen Gemeinschaften die Gier nach Ehre so auffallend." (Gesemann 1943: 110f)

Chadži-Murats Entschluss, zu den Russen überzulaufen, gründet in der Absicht, mit deren Hilfe seine Familie zu befreien und anschließend seinen Rachefeldzug gegen Šamil' zu unternehmen. Nachdem er auf aus seiner Sicht ungerechte Weise durch Šamil' seiner Macht beraubt wurde (der Imam ließ ihm den Naip-Rang aberkennen und sein Geld und Gut wegnehmen), seine Familie als Geisel genommen und sein Leben in Gefahr geraten war, erfährt Chadži-Murat eine sein Selbstverständnis erschütternde soziale Degradierung. Nun hat er seiner männlichen Rolle gemäß die Pflicht, diesen Macht- und Statusverlust zu rächen bzw. rückgängig zu machen. Anderenfalls stehen sein Ruhm als Yiğit (tapferer Held) und seine Familienehre auf dem Spiel.

In der Forschungsliteratur wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass Tolstoj die familiäre Loyalität Chadži-Murats, die auf aufrichtigen Gefühlen für seine Mutter, seine Ehefrau und seinen Sohn beruht, in Kontrast zu der Heuchelei in den Familienbeziehungen des Zaren Nikolaj I. sowie des Ehepaares Voronzov gesetzt hat, um die moralische Verkommenheit der russischen Oberschicht zu demonstrieren. Doch im Kontext der hier untersuchten Problematik stellt die von Šamil' veranlasste Geiselnahme als Mittel der Erpressung für Chadži-Murat weit mehr als eine emotionale Belastung dar. Sie erschüttert auch seine Autorität als Mann, dem der Schutz der eigenen Familie obliegt, darunter insbesondere die Unversehrtheit der weiblichen Mitglieder. Seine Ehre ist durch die Entführung (13) seiner Familie verletzt.

Der zu Grunde liegende Konflikt zwischen den beiden Männern wird nicht nur auf der Ebene der Status- und Machtkämpfe ausgetragen. Eingeflochten darin ist die Dimension der Intimfeindschaft. Die auslösende Situation hierfür liegt in Chadži-Murats früher Jugend, die in jene Zeit fällt, als der damalige Imam Gamzat und seine Müriten die Tschetschenen und Awaren zum Heiligen Krieg (gazavat) gegen die Russen mobilisierten. Chadži-Murat war Augenzeuge der Ermordung seiner Wahlbrüder, der Chane von Hunzah, durch Imam Gamzats Gefolgsmänner, zu denen auch Šamil' zählte. Er selbst entkam dem Massaker durch Flucht, doch die Scham darüber, in jenem Augenblick aus Angst geflüchtet zu sein, hinterlässt bei ihm ein dauerhaftes Trauma: "Seit jenem Tag denke ich immer an diese Schmach, und sobald ich daran denke, fühle ich keine Furcht" (Originalzitat) (81).

Chadži-Muratsinnere Scham (14) (styd), die er fortan durch extreme Angstnegierung überkompensiert, ist keine Dimension der Schande - des Gegenteils von Ehre -, solange sie nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen und missbilligt wird.

Doch indem ihr Auslöser mit einer Situation zusammenfällt, die die Blutfehde nach sich zieht, der anschließend noch sein Vater und leiblicher Bruder zu Opfer fallen (15) (Originalzitat),wird sie zur inneren Triebfeder für die kollektiv sanktionierte Erwartungsnorm der Rache (16).

Tragischerweise gelingt das Einlösen der Blutschuld Chadži-Murat nicht, wodurch Šamil' für ihn in psychologischer Hinsicht zu einer dauerhaften Projektion des Scheiterns wird.

Außer des im Text mehrfach ausgedrückten Rachemotivs wird Chadži-Murats Agieren auf evidente Weise auch durch Ehrsucht (čestoljubie) angetrieben. In den Entwürfen zu seiner Erzählung hat Tolstoj diese als eine der Haupteigenschaften seiner Titelgestalt festgehalten (17).

Auch fällt es nicht schwer, entsprechende Belege hierfür in den Gedanken Chadži-Murats im Text zu finden: "Er malte sich aus, wie er mit dem Heer, das Woronzow ihm geben würde, gegen Schamil ziehen wollte, wie er ihn gefangen nehmen und sich an ihm rächen werde, wie ihn der russische Zar belohnen und wie er nicht nur Awarien, sondern das ganze Tschetschenenland beherrschen werde, das sich ihm unterwerfen müsste" (Originalzitat) (37).

Dennoch wäre es falsch, der Ansicht von James Woodward (1973: 873) folgend die Ehrsucht als hauptsächliches Motiv für Chadži-Murats Überlaufen zu den Russen und damit auch für den Verrat am Religionskrieg seines Volkes zu sehen. Zwar hat Tolstoj in einigen Variantentexten seiner Erzählung den Religionsverrat als Konsequenz von Chadži-Murats Übertritt zu den Russen ausdrücklich formuliert (18), doch zeigt das Ausbleiben eines vergleichbaren Kommentars in der Endredaktion, dass der religiöse Gewissenskonflikt nicht vordergründig thematisiert werden sollte. Indem der Schriftsteller das Argument: "Besser im Kampf mit den Russen sterben, als mit den Ungläubigen gemeinsame Sache machen" (Originalzitat) (132) Šamil' in den Mund legt, auf der anderen Seite indes Chadži-Murats genuine Religiosität (symbolisiert durch seinen bekennerhaft getragenen Turban sowie seine regelmäßigen Gebete) herausarbeitet, rückt er das Element der fatalen Verstrickung stark in den Vordergrund seiner Heldenkonzeption. In Chadži-Murats Machtstreben ist schließlich auch der Keim jener Hybris enthalten, die für menschliche Selbstüberhebung nichts anderes als den Untergang zur Folge hat. Anzeichen für derartigen Hochmut lassen sich z.B. in der folgenden als erlebte Rede gehaltenen Textstelle erkennen:

"Hadschi Murat hatte von jeher an sein Glück geglaubt. Wenn er irgend etwas unternahm, war er immer fest überzeugt, daß es gelingen müsse, und es war ihm auch alles geglückt. So war es bis auf wenige Ausnahmen gewesen, sein ganzes abenteuerreiches Kriegerleben hindurch. So, hoffte er, würde es auch dieses Mal sein" (Originalzitat) (37).

Während Woodward Chadži-Murats Machtstreben und den Religionsverrat kausal in Verbindung zueinander bringt, betont Donna T. Orwin gerade den Moralkodex der Ehre als dessen verhaltenslenkendes Prinzip: "Chadži-Murat exemplifies both the straightforward morality and the straightworward love of honor of the savage man." (Orwin (1990: 134)

Diese Feststellung, die im Kontext der Erörterung der Natur- und Religionsphilosophie bei Tolstoj erfolgt, hilft auch die Kohärenz in der Handlungsweise dieser Gestalt zu erkennen. Sie wird nicht durch den formellen Verrat an der Religion erschüttert, denn weitaus bestimmender für Chadži-Murats Selbstverständnis ist, dass seine Reputation bzw. Ehre nicht in Frage gestellt wird. Hierzu schreibt Neckel:

"Soweit Ehre prätendiert werden muß, erlischt sie sofort, wenn die Statusansprüche, die sie impliziert, zum Scheitern gebracht werden können. Soweit Ehre partikular ist, steht sie immer schon in sozialer Konkurrenz zu denjenigen, vor denen man sie zu behaupten hat. Die 'Dialektik von Herausforderung und Erwiderung' (Bourdieu 1979: 15ff) stellt daher ihr inneres Getriebe dar. Wer hier versagt, gerät in die Position der Unterlegenheit, die aufgrund der vormaligen Prätention und der nun sichtbar werdenden Inkonsistenz schon immer eine beschämende ist. In der Ehrkonkurrenz ist die Scham der Makel der Macht, die dem Unterlegenen aufgedrängt werden konnte." (Neckel 1991: 64)

 
2.2. Russische Schuldkultur vs. kaukasische Schamkultur
 
"Das Ehrgefühl ist das Fundament einer Moral, in der der Einzelne sich immer unter dem Blick der anderen begreift, wo der Einzelne die anderen braucht, um zu existieren, weil das Bild, das er sich von sich selbst macht, ununterscheidbar ist von dem Bild von sich, das ihm von den anderen zurückgeworfen wird." (Bourdieu 1979: 27)

Die Lebensweise und die sozialen Beziehungen der stammesrechtlich geprägten Gemeinschaften werden durch ein Pflicht- und Moralbewusstsein bestimmt, dessen Bezugspunkt das Kollektiv bzw. der Stamm ist. Aus der europäisch-okzidentalen Sicht mag es schwer nachvollziehbar sein, dass hier nicht moralisch richtiges Handeln im Sinne von gut vs. schlecht, sondern von der Gemeinschaft akzeptiertes Handeln im Sinne von 'was sich gehört' den sozialen Wert einer Person bestimmt.

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint auch die Blutrache, von der Chadži-Murats Lebensweg bestimmt wird, als moralisch legitim: "Für Männer, die agonal denken, ist die Rache eine heikle Ehrensache" (Gesemann 1943: 201). Zudem dokumentiert das häufige Vorkommen von Ausdrücken "es ist notwendig" (nado) und "man muss" (dolžno) in Situationen, welche die der Blutrache zugrunde liegenden Beweggründe (19) (Originalzitat) erörtern, diese als normativen Bestandteil der Pflichtlehre innerhalb des kaukasischen Kulturmodells, wie Tolstoj es entwirft.

Eine Konsequenz der Axiologie, die in der Schamkultur wurzelt, ist, dass individuelle Entscheidungen nicht durch Gewissen, sondern durch sog. Schamempfinden getroffen werden, wobei unter Scham "Sensibilität für die eigene Reputation" (Schmidt 1994: 196) zu verstehen ist.

Bei den Begriffen Scham und Gewissen sei zum Schluss nochmals auf die eingangs erwähnte Unterscheidung zwischen Scham- und Schuldkulturen hingewiesen. Geht man von Arutjunovas Feststellung aus, dass "für das russische Moralbewusstsein der Gewissensbegriff Schlüsselbedeutung hat" (Originalzitat) (Arutjunova 2000: 70), so kann in Tolstojs Erzählung tatsächlich die Differenz dieser beiden Kulturmodelle ausgemacht werden: Im dreizehnten Kapitel berichtet Chadži-Murat u.a. von einem Briefwechsel zwischen ihm und General Klügenau, der nach seiner Flucht aus russischer Gefangenschaft geführt wurde und durch den der General ihn zur Rückkehr in russische Dienste zu bewegen versuchte. Als Haupthindernis dagegen führte der einstige russische Verbündete mit Offiziersrang ausdrücklich die Entehrung an, die ihm während seiner Gefangenschaft angetan wurde und die Notwendigkeit, diese durch Blutsühne zu bestrafen. Die Antwort des Generals lautete:

"Du schreibst, daß Du Dich nicht fürchtest zurückzukommen, aber die Beleidigung [besčestie], die ein Gavur, ein Christ, Dir zugefügt hat, verwehre es Dir; ich versichere Dir, daß das russische Gesetz gerecht ist und Du mit eignen Augen die Bestrafung Deines Beleidigers sehen wirst. Ich habe die Untersuchung dieser Sache bereits angeordnet. Ich hätte wohl Ursache, unzufrieden mit Dir zu sein, denn Du zweifelst an mir und an meiner Ehre, aber ich sehe es Dir nach, weil ich den mißtrauischen Charakter der Bergbewohner kenne. Wenn Dein Gewissen rein ist, [...] dann bist Du gerechtfertigt und kannst der russischen Regierung [...] offen ins Auge sehen; der Beleidiger Deiner Ehre soll bestraft werden, Du sollst Dein Eigentum zurückerlangen, und Du wirst erkennen, was das russische Gesetz bedeutet [kursiv A.H.]" (Originalzitat) (91).

Hier erscheinen zentrale Lexeme, anhand derer die gegensätzlichen Wert- und Rechtsvorstellungen der Russen und der Kaukasier rekonstruiert werden können: Während es für den Haupthelden nur eine Konsequenz der ihm widerfahrenen Entehrung gibt - die tödliche Bestrafung des Entehrers -, spricht der russische General von Gesetz und appelliert zudem an Chadži-Murats Gewissen. Die grundsätzliche Unvereinbarkeit der Vorstellungen konzentriert sich in der Aussage des Generals: "umso mehr, als die Russen ganz anders von der Sache denken: in ihren Augen ist Deine Ehre dadurch nicht befleckt, daß irgendein Schuft Dich hat schänden wollen [kursiv A.H.]" (Originalzitat) (91).

Da für Chadži-Murat jedoch andere Normen Gültigkeit besitzen, ist dieses Versöhnungsangebot aus Gründen der Kulturdifferenz zum Scheitern verurteilt.

 
3. Schlussbemerkung

Der vorliegende Beitrag wählte die Perspektive der sozialanthropologischen Ehre-Forschung, um einmal mehr zu demonstrieren, wie die Werke der Literatur kulturelle Universalien in ihrem daseinsbestimmenden Einfluss auf individuelle und kollektive Belange der Menschen zur Anschauung bringen. Eine der daraus resultierenden Erkenntnisse könnte lauten, dass Individuen Verhaltensnormen ihres jeweiligen Kultursystems reproduzieren und deshalb auch die Einschätzung ihres Handelns nur relational zu einem solchen System erfolgen kann. Dabei ergibt sich auch die Möglichkeit, das Konfliktpotenzial in bestimmten, durch moralische Codes vorgegebenen Handlungsräumen deutlicher herauszuarbeiten.

Darüber hinaus wird erkennbar, dass im Aufeinandertreffen von Kultursystemen, die - wie im vorliegenden Fall das russische auf der einen und das kaukasische auf der anderen Seite - besonders deutliche Abgrenzungskategorien aufweisen, die Handlungs- und Spielräume für den Einzelnen durch den Rückgriff auf Möglichkeiten des anderen Systems nicht automatisch größer werden, sondern im Gegenteil seine Wahlmöglichkeiten durch das beschränkt bleiben, was die verinnerlichten Normen ihm nahe legen. Die mitunter tragischen Konsequenzen davon hat Tolstojs Erzählung beispielhaft gezeigt.

zum inhalt


created by iqqi for jfsl