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zur 5. tagung des jungen forums slavistische literaturwissenschaft in muenster, september 2002 |
| Tom Kraft (München) | |
Der Sentimental´nyj bokser von V. Vysockij – Versuch einer alternativen Analyse |
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Zunächst folgt die Übersetzung des Liedtextes von mir (1): Das Lied vom sentimentalen Boxer 1) Ein Schlag, ein Schlag, noch ein Schlag, wieder´n Schlag und da macht Boris Butkeev, Krasnodar, ´nen Aufwärtshaken, und da hat er mich in die Ecke gedrückt, und da kam ich gerade noch weg, aber da: ein Aufwärtshaken und ich am Boden und mir ist schlecht! Aber Butkeev dachte, während er mir das Kinn kleinschlug: "Schön ist´s zu leben, das Leben ist schön!"
meine Fans jammern… Ich steh auf, tauch ab, weich aus und ich krieg Punkte. Es stimmt nicht, dass ich meine Kräfte für den Schluss aufheb – einen Menschen ins Gesicht schlagen hab ich schon als Kind nicht können. Aber Butkeev dachte, während er mir die Rippen zertrümmerte: "Schön ist´s zu leben, das Leben ist schön!"
"Fass den Feigling!" Butkeev drängt in den Nahkampf, und ich presse mich an die Seile. Aber er ist durchgekommen, er ist ja Sibirier, die sind stur. Und ich hab zu ihm gesagt: "Du Kauz! Du bist doch müd, mach mal Pause!" Aber er hat´s nicht gehört, er dachte schnaufend: "Schön ist´s zu leben, das Leben ist schön!"
Denn Boxen ist kein Kampf, sondern Sport für Mutige usw. Und er schlug zu, eins, zwo, drei und nahm sich selbst die Kraft, der Ringrichter hob mir die Hand, mit der ich nicht zugeschlagen hatte. Er lag da und dachte, daß Leben sei schön. Für manche ist´s schön, andere gehen leer aus. zugänglich im Internet |
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1. Grundüberlegungen |
Was macht man als Literaturwissenschaftler mit einem Lied à la Vysockij? Sind doch im Gegensatz zum Gedicht musikalische und andere performative Elemente durchaus tragend. Wie beschreibt und analysiert man das? Krymova (1968: 7f.) betrachtet das Straßentheater ("uličnyj teatr") Vysockijs als "eigenständige kleine Dramen" ("svoeobraznye malen‘kie dramy"). Vysockij selbst nannte in Konzertkommentaren einen Teil seiner Lieder Pesni-monologi, also ‘Liedmonologe‘, und war zudem Schauspieler. Also betrachte ich ein Vysockij-Lied als eine Sonderform des Theaters und die Form (Studioaufnahme) als eine Sonderform des Auftritts (ein abgespeckter Auftritt sozusagen). Dann kann man dieses Lied in eine Hierarchie von sich gegenseitig stützenden Subsystemen unterteilen, die zusammen das Kunstwerk als System ergeben. Im gegebenen Lied in der Form der Studioaufnahme (sonst kämen noch Gestik, Mimik und der Konzertkommentar hinzu) kann man drei Subsysteme unterscheiden: a. Musik Es gibt mehrere Aufnahmen des Liedes. Ich lege mich für diesen Aufsatz auf die Variante von der Chant-du-Mond-Platte fest. Vysockij hat lange an seinen Liedern gearbeitet, sie zwischenzeitlich in der gerade aktuellen Variante gespielt, sie wieder umgeschrieben und dann als neue Variante vorgestellt. Das Lied in dieser Aufnahme ist eine späte und somit wohl ausgereiftere Variante. Außerdem wurde die Aufnahme bei einem Parisaufenthalt Vysockijs auch für nicht russischsprachiges Publikum gemacht, so dass er sich große Mühe gab, seine Lieder durch die vage Information, die musikalisch transportiert werden kann, aufzuwerten. Zu diesem Zweck versicherte er sich der Mithilfe des professionellen Zigeunermusikers und Gitarristen Konstantin Kazanskij für die Begleitung. Grundsätzlich gelten meine Überlegungen, besonders die zur Textinterpretation, aber für die andere Varianten auch – sowohl für die eine andere mir bekannte (2) als auch für andere, bei Auftritten Vysockijs möglicherweise mitgeschnittene. |
| 2. Subsysteme des Liedes |
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2.1 Musik
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Die musikalischen Eckdaten lassen keine besonderen Schlüsse zu,
sollen aber der Vollständigkeit halber trotzdem genannt sein. Begleitet wird die untersuchte Version von einer Gitarre, gezupft mit Wechselbass und zusätzlich von einem Kontrabass, der einen Riff spielt. Der Text wird von der Musik nicht übertönt. Als Intro wird auf dem Kontrabass zwei Takte lang je Takt ein Lauf aus 8 Achteln rauf und runter gezupft (was leicht an den Hummelflug erinnert). Durch diese sehr schnelle Basstonfolge wird m. E. die Schlagfolge im Kampf imitiert, wo eine hohe Geschwindigkeit der Schläge oft kampfentscheidend ist. Der Basslauf bildet gleichfalls ein rhythmisches Pendant zur zweihebigen Metrum der Anfangszeile im Text: "Ein Schlag, ein Schlag, noch ein Schlag, wieder´n Schlag und da" (1) (3). Am Übergang zwischen Musik und Paralinguistik möchte ich auf ein
onomatopoetisches Element hinweisen: Die Textstelle "Es stimmt nicht,
dass ich meine Kräfte für den Schluss aufheb" (2) wird stark
zusammengebunden gesungen mit Betonung der Silben auf die Bilabiale b
und p und den Velar k. Das doppelt die Funktion des Basslaufs am
Anfang des Stücks: zur Betonung der Schnelligkeit des Angriffs, der
Schlagfolge. |
| 2.2 Paralinguistik |
Zum einen nehmen wir als Zuhörer bei dem Lied an einem inneren Monolog teil, bei dem die Modulation der Stimme den Gedanken im Bewusstsein des boxenden Anonymus entspricht. Bei dem Satz: "einen Menschen ins Gesicht schlagen hab ich schon als Kind nicht können" (2) klingt die Stimme verzweifelt (vielleicht wegen des Gefühls der Unausweichlichkeit der Situation, der Ohnmacht und der mangelnden Eignung oder Disposition zum Boxen). An der Stelle "Aber er ist durchgekommen, er ist ja Sibirier, die sind stur" (3) (Senkung der Stimme und abgehackter Sprechgesang des Wortes ‘nastyrnye‘) weist die Stimme Merkmale von Unwilligkeit, wachsender Ungeduld und Erstaunen auf. Bei der Zeile "Aber er schlägt weiter, der große Teufel, ich merk, gleich passiert das Unheil." (4) drückt die Stimme einmal Erleichterung aus (wohl, weil die Apathie überwunden und eine neue Entschiedenheit gefunden wurde) und zum zweiten wirkt sie drohend (Stimmsenkung und "Durch-die-Zähne-Sprechen" bei "gleich passiert das Unheil"). Aber es kommen zusätzliche Stimmen vor, die durch Stimmmodulation und im schriftlich fixierten Liedtext durch Einsatz von Anführungszeichen hervorgehoben sind. Die Zurufe aus dem Publikum: "Fass den Feigling" (3) sind keine Reflexionen, kein Teil des inneren Monologs, sondern fremde Rede des Publikums des Boxkampfs. Wenn sich der Boxer in direkter Rede an Butkeev wendet mit den Worten: "Du Kauz! Du bist doch müd, mach mal Pause" (3), ist die Stimmführung auch eine andere: Hier haben wir keinen inneren Monolog, keine ‘privaten‘ Gedankengänge, die Aussage ist nach außen gerichtet und somit ‘öffentlich‘, wobei mir der Ton hier vorwurfsvoll zu sein scheint. Der Refrainteil: "Schön ist´s zu leben, das Leben ist schön" (1-3) ist aufdringlich, und das gibt Vysockij auch mit seiner Stimme wieder. Dieser Satz läuft als Ohrwurm in Butkeevs Kopf ab, ist sein ständiger Begleiter und entspricht dem Charakter der Figur, die der Anonymus ja auch nicht los wird, bis zum bitteren Ende. Vor dem Refrainteil, vor dem Zuruf aus dem Publikum und vor der direkten Anrede an Butkeev gibt es kurze Pausen, die den Übergang zur direkten Rede bzw. vom inneren Monolog des Rollensprechers zu Butkeevs innerem Monolog (Refrain) kennzeichnen. Am Schluss moduliert Vysockij das "Für manche ist´s schön, andere gehen leer aus" (4) mit Schadenfreude in der Stimme. Vielleicht kommt noch eine Prise Erleichterung hinzu. |
| 3. Text |
| 3.1 Alternative Textinterpretation |
Der Untertitel dieses Aufsatzes lautet "Versuch einer alternativen Analyse" und bezieht sich auf eine Interpretation des Liedes, die bereits 1997 von Novikov (vgl. insbesondere dort S. 86) vorgelegt wurde. Dieser interpretiert die letzte Zeile des Liedtextes folgendermaßen: "und er schlug zu, eins, zwo, drei, und nahm sich selbst die Kraft – der Ringrichter hob mir die Hand, mit der ich <gar> nicht zugeschlagen hatte." Demnach fiele Butkeev einfach um, weil er sich durch sein ständiges Schlagen selbst verausgabt hätte, wodurch sein Gegner gewinnt. Die als Siegeszeichen erhobene Hand steht stellvertetend für beide Hände. Diese Lösung ist durchaus denkbar, aber das angeführte Liedende ist zweideutig und kann genauso gut auch so gelesen werden: "und er schlug zu, eins, zwo, drei, und nahm sich selbst die Kraft – der Ringrichter hob mir die Hand, mit der ich nicht zugeschlagen hatte". Dann hätte Butkeevs Gegner am Schluss doch noch einen k. o.-Schlag geführt und die andere Hand wird vom Ringrichter gehoben. In diesem Aufsatz beschäftige ich mich ausschließlich mit der letzteren Lesart. |
| 3.2 Erzählinstanzen |
Das Lied stellt weitgehend einen inneren Monolog dar, das Sprechen des Boxers ist ein nach innen gerichtetes, ereignis- und handlungsbegleitendes Sprechen bzw. Denken. Der Sprecher des inneren Monologs beobachtet die Ereignisse um sich herum, benennt sie, gibt seine gemischten Gefühle wider, mit denen er auf die Ereignisse und die Gesamtsituation reagiert und kommentiert diese. Außerdem gibt er wie ein Echo zusätzlich die Dinge wider, die er hören kann oder benennt sie zumindest, z. B.: "Von den Rängen: Pfiffe, von den Rängen der Ruf: "Fass den Feigling!" (3), "Bei Sieben… meine Fans jammern" (2) – die von mir kursiv gesetzten Textteile sind hörbar, wobei nicht die Hörbarkeit des Lieds als musikalische Gattung gemeint ist, sondern es werden Laute, Geräusche und Äußerungen innerhalb der Fiktion des Textes bezeichnet, die das reflektierende Ich hört. Bemerkenswert ist hier auch, dass durch die Anonymität des Rollensprechers der innere Monolog beim Zuhören zur Identifikation des Rezipienten mit ihm führt. Vier Stellen im Text können allerdings nicht vom Rollensprecher
sein, sondern hier ist der Monolog durch einen auktorialen Erzähler
»kontaminiert« (erkenntlich an der Formulierung: "er dachte" (1-4)
– in Butkeevs Kopf kann der Rollensprecher nicht hingeschaut
haben): das ist die Losung, die in Butkeevs Bewusstsein abläuft und
die bei jedem Refrain wiederholt wird: "Schön ist´s zu leben, das
Leben ist schön" (1-3). |
| 3.3 Butkeev |
Es ist interessant, welche Assoziationen Vysockij um die Figur Butkeevs
aufbaut. Wir erfahren über ihn folgendes: Nachname: Butkeev; Vorname:
Boris. Allein schon wegen der BoBu-Kombination, also der gedoppelten
Kombination aus Bilabial mit dumpfem Vokal, bekommt der Gegner etwas
Rundes und der Name Boris ist dem Imperativ von ‘borot´sja‘
– ‘boris‘! / ‘kämpfe!‘ homophon.
Hinzu kommt das Attribut des Sibiriers (‘sibirjak‘)
(3), das noch deutlicher spricht: Meine, wohl durch Erzählungen in
der Familie geprägte, stereotype Assoziation dazu ist die von einem
feisten, mit Fett gegen die Kälte eingeschmierten Menschen, der kreisrunde
Löcher ins Eis haut, um im kalten Wasser zu baden und im tiefsten
Winter nur mit einem Lendenschurz und einer dicken Speckschicht bekleidet
barfüßig und teetrinkend durch die Eiswüste stapft (wenn er nicht
gerade mit "Wassermelonen anderer Leute Fressen einschlägt" (Originalzitat), um mit
Zošcenko zu sprechen). Einer also, der jedweder Logik trotzt
und allein damit schon etwas Monströses hat, andererseits aber einer,
der mit dieser Art von Anpassung die Norm eines Stereotyps russischer
Männlichkeit absolut übererfüllt. Und in diesem Lied ist diese Figur
zudem bemüht, alle unsere Vorurteile zu erfüllen: Wie aufgezogen marschiert
Butkeev in den Kampf. Zu bemerken ist, dass er offenbar eine professionelle
Boxausbildung absolviert hat: Die Lexik, mit der unser Anonymus Butkeevs
Schläge benennt, bescheinigt Butkeev technisches Können (während sie
dem Rollensprecher nur terminologisches Wissen bescheinigt): "macht
einen Aufwärtshaken", "hat mich in die Ecke gedrückt" , "Ein Schlag,
ein Schlag, noch ein Schlag, wieder´n Schlag" (alle Zitate aus Strophe
1), "Nahkampf". Das Tempo beim Boxkampf und somit auch im Lied macht
offensichtlich Butkeev, und die Geschwindigkeit der Schläge ist enorm.
In der dritten Strophe steigert er das Tempo, erkennbar am Takt, er
kennt also kein Halten mehr. Des Weiteren erfährt der Rezipient, dass
Butkeev nach einem Motto boxt und dabei wohl keinerlei Zweifel an
der Sinnhaftigkeit seines Tuns aufkommen lässt. Sein ganzes Bewusstsein
ist von dieser Losung voll in Besitz genommen, scheint somit relativ
beschränkt zu sein. Die Losung wird im Refrain dreimal wiederholt
und ein viertes Mal abgewandelt. Es handelt sich hierbei um ein verdrehtes
Zitat aus dem Schlusskapitel von Majakovskijs (1927) Chorošo! Oktjabr´skaja poema.
Dort heißt es: "(…) und das Leben ist schön und schön ist es
zu leben" (Originalzitat). Diese
Verdrehung des Zitats durch Vysockij wird produktiv, wenn man bedenkt,
dass Majakovskij in direkter Nachbarschaft des Zitats den Gedanken
entwickelt, dass durch die Einführung des Kollektiveigentums im Sozialismus
alles allen, also auch ihm (Majakovskij) im Sinne eines Miteigentums,
einer Teilhaftigkeit an allem gehört. Vgl.: "Die Straße ist mein.
Die Häuser sind meine" (Originalzitat); "Meine
Genossenschaft beginnt flügge zu werden…" (Originalzitat); "Staub
wirbelten mit schwammigem Reifen in meinem Automobil meine Abgeordneten
auf" (Originalzitat); "In
meinem Moskauer Stadtrat" (Originalzitat); "es
beschützt mich meine Miliz "(Originalzitat), um nur
einige zu nennen. Dreht man diesen Gedanken des Kollektiveigentums
um, entsteht ein anderes Bild: Mir gehört alles, und Dir gehört nichts,
weil ich es Dir wegnehme. So gesehen kann Butkeev diese Art von realsozialistischem
Raubrittertum unterstellt werden. Diese Interpretation des Majakovskij-Zitats
als politische Anspielung wird noch gestützt dadurch, dass Krasnodar
nicht in Sibierien liegt, es ist somit ein morphematisches Wortspiel
aus "rot, schön" ("krasno") und "Geschenk" ("dar"). Dieser Umstand
macht Butkeev zum Träger eines politischen Diskurses. |
| 3.4 Die Ausgangslage und das Problem des Rollensprechers |
Der Rollensprecher hat ein massives Problem, er fühlt sich fehl am Platz, d.h. seine Gefühle sind der Situation nicht angemessen. Zum Einen folgt das aus seinen Handlungen in diesem Fight: "er hat mich in die Ecke gedrückt" (Selbstwahrnehmung als Objekt), "da kam ich grad noch weg" ("grad noch", also: fast nicht), "ich am Boden und mir ist schlecht" (1), "Bei Sieben lieg ich immer noch" (2) (Ohnmachtsgefühle). Zum Anderen folgt das durch die Einstellung, ausgedrückt in der Aussage: "einen Menschen ins Gesicht schlagen hab ich schon als Kind nicht können" (2). Es stellt sich die Frage, was ein solcher Mensch nur in einem Boxring verloren hat? Seine Taktiken sind wenig erfolgreich und wenig professionell, sein Bewusstsein ist vollauf damit beschäftigt, sich mit seinen Zweifeln auseinanderzusetzen. Dabei sucht er einen Ausweg aus der Situation, die Wahlmöglichkeiten stellen sich ihm als sehr begrenzt dar: Entweder ist der Gegner doch ins Gesicht zu schlagen, das kann aber nicht sportlich sein, ist also Kampf und somit verwerflich, oder aber es bleibt die Alternative, sich verprügeln zu lassen, weil jemand wie Butkeev einen kaum in Ruhe lassen wird. Und hier steckt unser Rollensprecher in einem Dilemma. Es fällt zudem auf, dass unser Anonymus zwar die Schläge Butkeevs mit den korrekten Termini technici benennt, seine eigenen Aktivitäten aber eher schludrig abhandelt: beispielsweise "[ich] schmiege, kuschele, presse mich an die Seile" (3) statt: ich lehne mich an die Seile und decke mich. Auch verschweigt der Rollensprecher, mit welcher Technik (Gerade, Haken, Schwinger etc.) er Butkeev am Schluss niederschlägt, wir erfahren nur: "der Ringrichter hob mir die Hand, mit der ich nicht zugeschlagen hatte" (4). |
| 3.5 Boxtechnische Irrealia |
An dieser Stelle sind einige irreale Momente aus der Sicht des Boxsports zu erwähnen. Zunächst einmal fällt eine gewisse Künstlichkeit der Situation auf, wie sie sich im Bewusstsein des Rollensprechers widerspiegelt, nämlich seine fehlende Disposition für das Boxen. Es scheint so, als ob er buchstäblich in diese Situation ‘geworfen‘ wurde und man ihm nur gesagt hatte: Heute wirst du boxen, auch wenn du das nie vorher gemacht hast, da steht dein Gegner, ein gewisser Boris Butkeev aus Krasnodar, gebürtiger Sibirier. Und mehr nicht. Übliche Vorbereitungs- und Trainingsphasen waren anscheinend nicht vorhanden. Das Element "[ich] steh auf, tauch ab, weich aus"(2) ist auch nicht ganz real. Es suggeriert, dass der angezählte Boxer aufsteht und sofort, noch im Aufstehen vom Gegner attackiert werden kann. Dem ist nach Reglement nicht so: Der angezählte Boxer steht auf, und erst wenn er wirklich steht und der Ringrichter überprüft hat, ob er noch kampftauglich ist, gibt der Ringrichter das Kommando ‘box!‘. Dann erst geht der Kampf weiter. Es gibt also keine sofort auf das Anzählen folgenden ‘Meidbewegungen‘. Die darauffolgene Stelle "und ich krieg Punkte" stimmt auch nicht mit dem Reglement überein. Es gibt für Körper- und Kopftreffer Punkte, für sauber ausgeführte ‘Meidbewegungen‘ nicht. Des Weiteren ist der Ausgang des Fights unwahrscheinlich. Nach so vielen Körper- und Kopfschlägen hätte auch ein trainierter Boxer nicht mehr genug Kraft, um seinen Gegner k.o. zu schlagen. Es stellt sich die Frage, wozu soll dieses Auseinanderklaffen der im Lied beschriebenen Szene mit den vielleicht unschönen, aber doch eher geregelten Realien des Boxsports dienen? Die Künstlichkeit der Situation soll vermutlich Extrembedingungen suggerieren, die eher an die Gnadenlosigkeit des keinem Reglement unterworfenen Straßenkampfs erinnern, in dem der Angegriffene entweder sehr schnell die Entscheidung zur Selbstverteidigung zu treffen hat oder eben hilfloses Opfer der Willkür des Angreifers wird. |
| 3.6 Die Entwicklung der Handlung im Lied |
Zunächst bei Butkeev: Selbiger bringt einige Schlagkombinationen an den Mann, um seinen Gegner mürbe zu machen, und mit dem Ziel, ihn im Endeffekt zu besiegen. Dabei zielt er auf die Körpergegenden, die unser Anonymus nicht deckt und die schmerzempfindlich und damit erfolgversprechend sind (Kinn, Rippen) (1, 2). Ein Schlag in die kurzen Rippen ist sehr schmerzhaft, ein Treffer auf die Kinnspitze kann zum Sieg durch k.o. führen. Außerdem durchbricht er die Deckung (3). Seine Schlagfolge ist außerordentlich hoch, für kompliziertere Kombinationen bliebe in dem beschriebenen Kampf kaum Zeit. Durch die hohe Schlagfolge, die sich in der dritten Strophe noch erhöht, ‘beraubt sich‘ Butkeev ‘seiner Kräfte‘ (4), was unserem Rollensprecher die Möglichkeit zum Gegenangriff bietet. Die allmähliche, aber konstante Abschwächung der Bedrohung des
Anonymus durch Butkeev bestätigt auch die absteigende Reihung der
Adverbialpartizipien im Refrain: "kleinschlagend" (1), "zertrümmernd"
(2), "schnaufend" (3); während das erstere noch in ganz kleine
Stückchen zertrümmert, sind die Stückchen beim zweiten schon größer
und das Schnaufen des dritten ist Zeichen für den Verlust der
Kontrolle über die Atmung, was im Zweikampf bedeutet, dass die Kräfte
rapide zu Ende gehen. Hier hört Butkeev auch nicht mehr, was ihm
gesagt wird, er kann also nicht mehr auf äußere Reize, mithin gar
nicht mehr adäquat reagieren. Des Weiteren kann ein Moment der Bestrafung Butkeevs beobachtet werden. Von Anfang an zeigt der Rollensprecher unmissverständlich, dass er zum Kampf nicht bereit ist und versucht diesem aufdringlichen Menschen nur auszuweichen, aus dem Weg zu gehen. Dann spricht er diesen sogar direkt an: "Du Kauz! Du bist müde, mach mal Pause" (3) (diese Stelle ist noch darin einzigartig im Text, dass hier der Rollensprecher aus seiner Reflexion im inneren Monolog ausbricht und Butkeev direkt anspricht). Aber Butkeev will nicht hören und ‘teufelt‘ weiter auf ihn ein. Da wird dem Rollensprecher klar, dass ein Unheil passieren wird (4), also wer nicht hören will, fühlen muss – ein Handlungsverlauf, der an die Androhung von Folgen und Strafe beim unartigen Kind bis zum Kind mit versohltem Hintern erinnert. |
| 4. Zusammenfassung |
Es kann festgehalten werden, dass das ‘denkende
Ich‘ des Liedes unter extremen Bedingungen eine
Binärentscheidung treffen soll – zuschlagen oder geschlagen
werden. Die Entscheidungsmöglichkeiten entsprechen diskursiv in der
Gesellschaft verankerten Klischeevorstellungen samt Begründungen, die
den in der Situation und der dadurch ausgelösten, zunächst nicht
situationsangemessenen Reflexion gefangenen Anonymus ob ihrer
Banalität nicht befriedigen – offensichtlich schlägt er sich
nicht für das Vaterland, nicht für seine Fans, er spart auch seine
Kräfte nicht für den Endkampf in der letzten Runde auf. Der Gegner
Butkeev hingegen hat hier keinerlei Entscheidungsschwierigkeiten, er
folgt der ideologisch aufgeladenen Losung, welche ihm den Rhythmus
seines Schlagens vorgibt: "Schön ist´s zu leben, das Leben ist schön"
(1-3), welche sich auch der Einverleibung durch den Rollensprecher am
hartnäckigsten widersetzt. Weiterhin verweist sie über Butkeev hinaus
auf eine Ideologie, zu welcher Butkeev in Abwandlung von Descartes´
Sinnspruch ‘cogito, ergo sum‘ zu ‘ich bin, was
ich denke‘ selbst wird, wobei er nach dem Motto von Reinhard
Mey (o.J.): "…und es passt, was ich mir denke, … nicht
auf einen Knopf an meiner Brust" (was Butkeevs Losung ja schon täte)
als ein völlig blind glaubender, gehorchender und unreflektierter
Diskursträger entlarvt werden kann. Die Tat am Schluss (das k.o.-Schlagen Butkeevs) entspricht zwar einer der Möglichkeiten, die sich am Anfang des Liedes dargestellt haben, doch wird die Entscheidung nicht anhand der eingangs angedeuteten Klischees getroffen, sondern aufgrund einer individuellen Entscheidung, die der Rollensprecher für sich selbst und aus sich selbst heraus trifft. Damit steht das Lied in einer Reihe mit anderen Liedern der Pesni-monologi von Vysockij wie Der Lauf des Passgängers (Beg inochodca) oder Wolfsjagd (Ochota na volkov), in denen sich ebenfalls das reflektierende Ich in einer Extremsituation von den gesellschaftlich vorgeschlagenen Entscheidungshilfen abwendet und eine individuelle Entscheidung mit diesen zuwiderlaufender Motivierung oder sogar eine neue, gesellschaftlich nicht vorgesehene Entscheidung trifft. |
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