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zur 5. tagung des jungen forums

slavistische literaturwissenschaft

in muenster, september 2002


 

Dagmar Steinweg (Bochum)  

"Enjoying the Gap"

Überlegungen zu russischen Kultphänomenen am Beispiel von Viktor Pelevins Roman Generation P

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"Wie anstrengend ist doch die Diskussion über 'Pulp Fiction' von Quentin Tarantino. Heutzutage weiß man doch gar nicht mehr, womit man sich mehr beschäftigen soll: mit der Meinungsbildung zu diesem Film oder mit der Meinungsbildung über die Meinung der anderen"

(v. Stuckrad-Barre in Bessing 1999: 27).

Ähnliches ließe sich auch über die Romane des populären russischen Gegenwartsautors Viktor Pelevin sagen, deren Rezeption sich zwischen der Ablehnung der Texte, weil sie sich nur an Anhänger der urbanen Jugendkultur richten, und ihrer Anerkennung als Beitrag zu einem neuen Paradigma der russischen Literatur bewegt. Die folgenden Zitate entstammen dem 'Meinungsbildungsdiskurs' um Pelevins Roman Generation P und zeigen neben dem Spektrum der Rezeption auch einige kulthafte Momente des Textes in der Begeisterung für den Roman innerhalb bestimmter sozialer Gruppen und seiner gleichsam mythenschaffenden Funktion für die postsowjetische Kultur auf:

"'Er schreibt cool'... Mir scheint, dass wenn wir von Pelevin als einem bei unseren jugendlichen Idioten vom Arbat und der Manege populären Autor sprechen, man sich vorstellen kann, wie die messianistischen Ausbrüche Pelevins sich in ihrem Bewusstsein auswirken." (1) (Getmanskij 2000: 6) (Originalzitat)

"Das wichtigste ist, nicht zu vergessen, dass zwar der Turm [von Babel] vermutlich zerstört werden wird, dafür aber die Geschichten über seinen Bau und über die Verwirrung der Sprachen erhalten bleiben. Der Blaue Speck und Generation P gehören zu dieser Art von Geschichten" (2) (Lipoveckij 1999: 215). (Originalzitat)

Die im russischen 'Meinungsbildungsdiskurs' um Viktor Pelevin und seine Texte bereits häufig verwendete Begrifflichkeit vom populären 'Kultautor', vom Popstar (vgl. Šapiro 2000; Šklovskij 2000; Makeeva o.J.) unter den russischen Gegenwartsautoren fordert eine genauere Betrachtung des im russischen Kontext neuartig erscheinenden Phänomens des 'Kultigen' geradezu heraus.

 

1.Überlegungen zum Begriff des Kults

Der Begriff "Kult" (3) – verstanden als an feste Vollzugsformen gebundene Religionsausübung einer Gemeinschaft – weist auf den ursprünglich religiösen Entstehungszusammenhang von Kunst als Bestandteil eines Rituals, einer magischen oder religiösen Praxis hin. In diesem Kontext zeichnet sich das Kunstwerk laut Benjamin durch seine besondere "Aura" aus, die ihm zugleich einen gewissen Abstand zum profanen Betrachter und eine bestimmte "Unnahbarkeit" (Benjamin 1936: 15) zusichert (4). Jedoch kommt es durch die massenhafte Reproduktion von Kunstwerken bekanntlich zu einer Suspendierung dieser Erfahrung der Unnahbarkeit, mit der auch die Einzigartigkeit des Kunstwerks aufgehoben wird (vgl. Benjamin 1936: 15f.). Nun ist den so genannten 'Kultbüchern' sicher der Verlust der Aura eingeschrieben, zugleich aber kommt es in der Rezeption derselben zu einer Wiederbelebung der kultischen Elemente insofern, als sie kollektive Erlebnisweisen ermöglichen und bisweilen in spezifischer Weise die Aura und gar Autorität des Autors wieder herstellen (5). Hier tritt die zweite Bedeutungskomponente des Begriffs 'Kult' als übertriebene Verehrung für eine bestimmte Persönlichkeit oder eine besondere Sorgfalt gegenüber einem Gegenstand in den Vordergrund. Was sind nun in diesem Zusammenhang Merkmale so genannter Kultbücher? Und wie kommt es zu der in den letzten Jahren häufig anzutreffenden Identifizierung so genannter 'Kultautoren' (6)? Ein Kultbuch muss den 'Nerv der Zeit' treffen und Zeitgeistströmungen einfangen, damit es als solches gelesen wird. Es liefert Identifikationsangebote, die eine Grundlage bei der Orientierung und der Identitätsfindung bilden können (7). Kultbücher haben oftmals "seismographische Qualitäten, [...] bilden historische Erschütterungen ab, spiegeln Bereiche des kollektiven Bewusstseins" (Schäfer 2000) (8) und schaffen so ein Identifikationspotential, dem sich ihr Erfolg in einer bestimmten Rezipientengruppe verdankt. Diese kann den oftmals mit alltagskulturellen Elementen angereicherten Text als eine Art Verständigungstext nutzen, der in besonderen Fällen Initiationsfunktion gewinnen und zudem mit minimalem zeitlichen Lektüreaufwand maximale Souveränität in einem bestimmten Diskurs gewährleisten kann. Für den deutschen kulturellen Kontext ist dies unmittelbar nachvollziehbar, vergegenwärtigt man sich die Rezeption solcher Romane wie Generation Golf (Illies 2000) und Soloalbum (Stuckrad-Barre 1998) (9).

Ein den im Grunde nicht kalkulierbaren Verkaufserfolg garantierendes Potential dieser Texte liegt in ihrer zunächst eine bestimmte Generation als Rezipienten ansprechenden Thematik. Unter 'Generation' verstehe ich hier nach Ernst, der sich an die Definition des Soziologen Karl Mannheims anlehnt, einen "Kreis etwa gleichaltriger Menschen, der zur Jugendzeit bestimmte prägende Ereignisse erlebe und dadurch ein Gruppengefühl entwickele" (Ernst 2001: 70). Dies sind wiederum Charakteristika, welche auf die den Systemwandel in der Sowjetunion im Jugendalter miterlebten, jetzt ungefähr Dreißigjährigen zutreffen und die somit eine mögliche Zielgruppe des Romans Generation P darstellen.

Welche Strategien bieten die Texte Pelevins – und vor allem Generation P – im Umgang mit der historischen Transformationsphase in der postkommunistischen Epoche an, sodass sie einen kulthaften Status erhalten können?

 
2. Generation(en) im Zeichen des 'P(ost-)'

Der Roman Generation P schildert bekanntlich die 'Abenteuer' des ehemaligen Literaturstudenten Vavilen Tatarskij, der – mit dem Ende der Sowjetunion seiner sicheren Karriere als Nachdichter der Literaturen der Völker der SU verlustig gegangen – einen schnellen Aufstieg vom Werbetexter zum Creator ganzer Werbekonzeptionen macht. Nach Drogenexzessen und Erfahrungen mit okkulten Lehren wird er schließlich als Ehemann der Göttin Ischtar zum Haupt der mit der Schaffung der virtuellen russischen Medienwelt beschäftigten wahren Herrschenden. Als solcher nimmt er eine gleichfalls virtuelle Existenz an und geht ins Universum der Werbespots in digitalisierter, massenhaft reproduzierbarer Gestalt ein.

 
2.1 Evidenz des Titels – Die Generationenproblematik

Im Hinblick auf den Kultcharakter des Romans muss zunächst auf die Evidenz des Titels Generation P hingewiesen werden, denn letztlich dient jeder Titel – laut Eco – bereits als ein Schlüssel zur Interpretation, dessen Suggestion sich kein Leser entziehen kann (vgl. Eco 1983: 9-14). Der Titel regt zur Spekulation um die Bedeutung des Buchstabens P an, die vordergründig nach der Lektüre der ersten Absätze gelöst wird mit der Identifikation der Generation P als jener, die – realiter aller Wahlmöglichkeiten beraubt – Pepsi wählte.

"Generation P. Es gab eine Zeit, da lebte in Rußland tatsächlich eine unbekümmerte junge Generation, die dem Sommer, der Sonne und dem Meer zulächelte – und Pepsi wählte. Wie es dazu kam, läßt sich heute kaum mehr feststellen. [...] Der entscheidende Grund dürfte gewesen sein, dass die Ideologen der UdSSR damals immer noch der Meinung waren, es könne nur eine Wahrheit geben. Darum hatte die Generation P eigentlich keine Wahl, und die Kinder der sowjetischen siebziger Jahre wählten Pepsi auf die gleiche Art, wie ihre Eltern Breshnew wählten." (Pelevin 2000: 9) (Originalzitat)

Die Zielgruppe des Identifikationsangebots ist mit der Gruppe der etwa Dreißigjährigen bestimmt – jene, die in den siebziger und achtziger Jahren ihre Jugend (10) erlebten. Die Generationenproblematik wird in Pelevins Text an mehreren Stellen expliziert: Es handelt sich bei der Generation, der auch Tatarskij angehört, um jene, die den Systemwandel in der Sowjetunion als Jugendliche erlebte und als grundlegende Erfahrung die Einsicht in die Scheinoptionalität jeglicher Wahl machen musste.

Der Begriff der 'Generation' trägt neben einer politischen (die 89er (11), die 68er etwa) immer auch eine literarische Komponente, die insbesondere im russischen Kontext geprägt ist von der spezifischen Rolle des Autors als einer moralischen Instanz in einer durch Zensur bedingten, eingeschränkten literarischen Öffentlichkeit. Es sei etwa an die von Andrej Bitov mehrfach betonte, weil zu einem Politikum gewordene Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer literarischen Generation erinnert:

"Ich verwende nur ungern das Wort 'Generation', denn es ist längst kompromittiert, ist ein Produkt der Literaturpolitik, eine uns aufgezwungene Vorstellung. [...] Kennzeichnend für eine Generation ist nicht das Alter, sondern eine Art historischer Messerschnitt wie der Krieg oder das Jahr 1956, und gegenwärtig wird wohl 1985 von Bedeutung sein. Sobald also ein historisches Ereignis viele Menschen direkt betrifft, markiert es ihr Alter. Und so geht die Rechnung auf: Dank einem bestimmten Merkmal – und nicht nur, weil literarische Prozesse im nachhinein beschrieben werden müssen – bilden sich literarische Strömungen heraus" (Bitow 1993: 9) (12).

Auf die Widersprüche der literarischen Generation der sechziger Jahre, der šestidesjatniki, geht Pelevins Roman im symbolträchtigen Vater-Sohn-Konflikt ein: Der Vorname des 'Helden' Tatarskij Vavilen ist eine der zu Sowjetzeiten üblichen Kompilationen aus dem Namen Vladimir Il'ic Lenins und – im vorliegenden Fall – demjenigen Vasilij Aksenovs. Die Kompilation ist ein Werk von Tatarskijs Vater, "in dessen Gemüt der Glaube an den Kommunismus und die romantisch-hemdsärmeligen Ideale der Sechziger einhergingen." (Pelevin 2000: 12) (Originalzitat) Hier findet sich, komprimiert im Bild des Vaters und seiner skurrilen Namensgebung, Kritik an der scheinbaren Homogenität der an sich widersprüchlichen Ideale der Väter-Generation der šestidesjatniki als Dissidenten-Helden des russisch-sowjetischen kollektiven Bewusstseins.

Die sprachliche Struktur des Titels rekurriert gerade im russischen Original mittels des englischen Sprachzeichens "generation" auf den Kultroman des kanadischen Autors Douglas Coupland Generation X (1991), der den Konsumcode einer Generation zum Thema macht. Mit diesem Bezugspunkt verweist Pelevins Roman auch auf die historische Erschütterung nach dem Zusammenbruch der UdSSR in der Erfahrung seiner (und Tatarskijs) Generation mit der Welt der Waren- und Konsumproduktion, die der hohen Literatur ein vorzeitiges Ende beschert und die in der Popularität von Ratgeberliteratur für die Selbstvermarktung den Wunsch nach schnellem persönlichem Aufstieg widerspiegelt. Konsequent werden Aussagen der Apologeten des Werbemarketings wie David Ogilvy und Al Ries in den Text montiert, deren Anwendung auf den russischen Markt von Tatarskij mit wechselndem Erfolg erprobt wird. Ähnlich wie in Couplands Generation X kommt es jedoch zu einer Relativierung der populärwissenschaftlichen Aussagen der Werbestrategen durch die Kontrastierung mit den literarisch überformten, an surrealistische Schreibversuche erinnernden Ausflügen Tatarskijs ins automatische Schreiben, das die Marketingstrategien in der Definition der so genannten Zwei-Typen-Theorie (vgl. Pelevin 1999: 101-120; Pelevin 2000: 107-127) ins Grotesk-Absurde verzerrt.

 
2.2 Alltagskulturelle Elemente – die Sprache der Werbung und ihre Aneignung

Kultbücher dienen als Verständigungsgegenstand, als Gegenstand der Kommunikation innerhalb einer bestimmten subkulturellen Gruppierung. Mithin werden derartige Bücher gerade von 'Nicht-Lesern' gelesen, von Gelegenheitslesern also, "die in der letzten Zeit kaum ein Buch außer dem Telefonbuch angefasst haben" (Originalzitat) – so lässt es der Verlag Vagrius, bei dem die Romane Pelevins erschienen sind, ohne genauere Quellenangabe auf eigenen Website auch stolz verlauten. Ksenija Roždestvenskaja geht sogar so weit, in den Romanen Pelevins "Themen für small talk" (Roždestvenskaja: o.J.) (Originalzitat) zu erkennen, und expliziert damit eine zentrale Funktion von Kulttexten (13).

Für Kultbücher ist charakteristisch, dass sie alltagssprachliche und -kulturelle Elemente aufnehmen und so die bereits erwähnte gesellschaftliche Diskurssouveränität der Rezipienten erreichen. Die russische Kritik erkennt die Initiationsfunktion, die Pelevins Texten in diesem Zusammenhang in manchen Kreisen zugebilligt wird, in denen es weniger um die Lektüre selbst gehe als vielmehr um einen Selektionsmechanismus der Gruppenmitglieder (14).

"Pelevin – das ist eine Art 'Klub': Die einen ignorieren ihn voller Ekel, dafür finden die anderen in ihm 'Gleichgesinnte'. Es handelt sich weniger um eine begeisterte Lektüre, als vielmehr um eine Kommunikationsart." (Novikov 2000) (Originalzitat)

Als zentrales alltagskulturelles Moment, das in den Roman Generation P Eingang findet, ragt die Sprache der Werbung heraus, die von Pelevin in ironischem bis groteskem Ton verzerrt wird. Damit aber 'handelt' der Roman von modernen, zeitgenössischen Kultgegenständen und Mythen – von eben jener Kommunikation, deren Code man sich bedienen muss, um dazu zu gehören. Im Falle von Generation P sind dies die Sprache der Werbung und folglich die Markenartikel selbst – das gleiche Phänomen gilt auch für Generation X, in dessen Zentrum nicht allein die Konsumwelt, sondern darüber hinaus auch der Verhaltenscode einer ganzen Generation steht. Während jedoch die Vertreter der Generation X sich der Erfolg versprechenden Normalbiographie entziehen müssen und in der Endstation Wüste ihre fiktionalen Fluchtgeschichten erzählen, bleibt der "Held" Tatarskij zunächst als Repräsentant der zwiespältigen Generation P dem Werbe- und Selbstmarketing-System verhaftet.

Als Sprache, die trotz postmoderner, quasi-babylonischer Sprachverwirrung alle erreicht, ist somit diejenige der mehr oder weniger internationalisierten, globalen Werbung zu sehen. Zudem tritt neben die kulturtradierende, konservative Funktion von Werbung ihre Wirkung als "Resonanzverstärker für gesellschaftliche und kulturelle Innovation" (Schmidt 1995: 48), so dass sie somit als Rohmaterial privater und öffentlicher Kommunikation dient. Dies wird im Text Pelevins deutlich durch die Selbstverständlichkeit der Anglizismen und der Gleichrangigkeit der lateinischen und kyrillischen Schrift, die signalisiert, dass in der nicht nur durch Werbung, sondern vor allem durch das Internet 'latinisierten' postsowjetischen Gesellschaft zumindest die junge Generation die Priorität des Kyrillischen – und damit der einzig selig machenden kulturellen Identität – belanglos findet.

Signifikant treten in Pelevins Text zwei Momente hervor: zum einen die Missachtung der Regeln für die 'Sprachreinheit', wie sie noch Mitte der neunziger Jahre in der russischen Politik von der Werbewirtschaft eingefordert und mit dem Verbot der Latinisierung von Produktnamen auch umgesetzt wurden (15). Russische Literaturkritiker nehmen auf dieses Merkmal Bezug, sei es positiv in Anerkenntnis der Vielsprachigkeit im Sinne der Bachtinschen kulturellen Vielsprachigkeit (vgl. Lipoveckij 1999: 215; Minkevič 1999), sei es negativ in der Sorge um eine sprachliche Überfremdung, womit auf die wirksame Dichotomie Eigenes vs. Fremdes in Zeiten der instabilen Identität rekurriert wird (vgl. Novikov 2000). Der im Text präsente altbabylonische Mythos nimmt daher im Roman nicht nur aufgrund der aberwitzigen Hochzeit der männlichen Hauptfigur mit der Göttin Ischtar eine signifikante Position ein, sondern dient auch als ein möglicher Bezugspunkt zur Verdeutlichung der gegenwärtigen, wenn auch produktiven Sprachverwirrung.

Zum anderen ist die ironisch-groteske Verzerrung der weltbildstiftenden und kulturtradierenden Funktion von Werbung im Text hervorzuheben, bei der die Verwendung kollektiver Symbole und kultureller Ikonen im Nebeneinander von Banalem und Erhabenem in Komik erzeugenden Effekten resultiert. So etwa in dem folgenden von Tatarskij beobachteten Werbeszenarium:

"Der zweite Slogan, der Tatarski zusagte, war für die Moskauer Filialen der Supermarktkette Gap bestimmt; Zielgruppe war, wie dem Vorwort zu entnehmen war, der rund vierzigtausend Personen umfassende anglophone Bevölkerungsanteil der Stadt. Auf dem Plakat sollte Anton Tschechow dargestellt werden: einmal im Nadelstreifenjackett, ein zweites Mal ebenfalls im Nadelstreifenjackett, jedoch ohne Hose; dabei ergab der Zwischenraum zwischen seinen dürren nackten Beinen die Form einer irgendwie gotisch anmutenden Sanduhr.Schließlich ein Bild ohne Tschechow, das die Kontur der Öffnung zwischen seinen Beinen wiederholte, die sich tatsächlich in eine Uhr verwandelt hatte, fast der gesamte Sand war bereits ins untere Glas gerieselt. Und folgender Text:
Russia was always notorious for the gap between culture and civilisation. Now there is no more culture. No more civilisation. The only thing that remains is the Gap. THE WAY THEY SEE YOU." (16) (Pelevin 2000: 89) (Originalzitat)

Entbehrt die bewusste Anspielung auf das Nichts zum einen im Wortspiel "GAP / gap" (= Markenname und engl. für 'Lücke', 'Kluft') und im Bild der Lücke, die sich pikanterweise ausgerechnet zwischen den Beinen der russischen kulturellen Ikone Čechov auftut, nicht schon der Komik, so wird diese noch gesteigert durch die sofort einsetzende Assoziation mit dem Postulat des Herausfallens Russlands aus der Geschichte, wie es seit Petr Čaadaev immer wieder perpetuiert wird. Heraufbeschworen wird damit auch der Verlust und das Ende der eigenen Geschichte mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums (vgl. Witte 1997: 27). Dieses hochgradig komplexe und Komplex-beladene Thema wird hier in den Signifikanten der Gegenwartskultur – der Bildsprache der Werbung und der Markennamen – abgehandelt und banalisiert, damit aber auch anschlussfähig an jegliche Alltagskommunikation gehalten.

Das für einige Werbeszenarien des Romans charakteristische Strukturmerkmal der ironisch-grotesken Preisgabe kultureller oder nationaler Symbole (17) (Originalzitat) leitet zurück zur Frage nach der die Generation (P) verbindenden Kraft des Textes, die im Fall der Rezeption des Romans als 'Kult' auch zur Absetzung von den anderen Generationen führt.

 
2.3 Die Leitidee – Virtualität und mediale Beschleunigung

Eine auch andere Texte Pelevins durchziehende Leitidee des Romans gipfelt in der durch mediale Beschleunigung begründeten Virtualisierung der russischen Realität, die immer schon der hyperrealen Gefährdung ausgesetzt war (18), und ermöglicht eine satirisch-kritische Lesart der russischen Gesellschaft der Nachperestrojka-Zeit. Die Baudrillardsche These der nach dem Prinzip der Simulation hergestellten Hyperrealität fungiert in Generation P als Subtext der grotesken Vorstellung, dass die gesamte russische Politikerprominenz nicht real existiert, sondern in einer Kette von Simulationen computergeneriert wird. Das Bild löst sich von seinem Vor-Bild, es verliert sich der Bezug zu einer wie auch immer gearteten Realität (19). In Pelevins eigenen, wenn auch nicht dem Romantext entnommenen Worten stellt sich dieser Sachverhalt folgendermaßen dar:

"Wir leben in einer Zeit, in der die 'Images', die Widerspiegelungen sich endgültig von ihren Originalen losreißen und ein eigenständiges Leben leben. Und jedes von ihnen erreicht einen bestimmten suggestiv-kommerziellen Wert, dem absolut Nichts in der Realität entspricht. Das heißt, die Substanz eines solchen Symbols ist Nichts, ist Leere." (Originalzitat)

Die sich verdichtende Erfahrung der Altersgenossen Pelevins mit diesem Nichts, dieser Leere hinter Werbeslogans wie auch hinter nationalen Symbolen, die im Romantext aufgegriffen wird in der karikierten Suche nach einer nationalen Idee (20), ermöglicht die Rezeption der Romane Pelevins als Kult. Dieser wiederum liegt eine gemeinsame Medienerfahrung von Pelevins literarischem Helden Tatarskij und den Rezipienten zugrunde sowie ein gleichgelagertes Interesse an Konsumerfahrungen aller Art. Es eröffnet sich hier ein Paradox: Die mit Mitteln postmoderner (Pop-)Literatur dargestellten Erlebnisses des Helden Tatarskij bieten trotz der postmodernen Befindlichkeit des dezentralisierten Subjekts, das keinen Fluchtpunkt in einer nur mehr virtuell existierenden Realität mehr findet, offenbar dennoch ein Identifikationspotential für eine wohl kaum als homogen zu bezeichnende Generation.

Zugleich gerät in der "Spektakelgesellschaft unter den Bedingungen eines barocken Kaleidoskops der Erscheinungen des Lebens" (Il'in 1998: 177) (Originalzitat) im Prozess der medialen Beschleunigung auch der Autor nur mehr zu einem Markennamen. Im Fall Pelevins führt dies dazu, dass die Rezeption seiner Texte zu einem Distinktionsmerkmal, mithin zu einem Initiationsfaktor für bestimmte Gruppierungen wird (21). Diese Erkenntnis und die medienwirksame Umsetzung durch Pelevin selbst zeitigen Auswirkungen auf das Autorbild und womöglich auch auf die literarische Öffentlichkeit.

 
3. Der Autor und die Kluft zwischen U und E

"Generation ist das mediale Zauberwort: Generation Berlin, Generation Golf, egal. Wer klare Begrifflichkeiten scheut, zum Beispiel politische, greift zur Generation. Generation geht gerade sehr gut"

(Droste 2000, zit. n. Ullmaier 2001: 31).

So umreißt Wiglaf Droste die Gründe für den deutschen Hype der Generationen-Romane in den späten neunziger Jahren. Bei aller sich aufdrängenden Ähnlichkeit zu dieser westlichen literarischen 'Mode' sind in Bezug auf Pelevin die Spezifika der russischen literarischen Kommunikation zu bedenken. Mehr als in der westlichen Literatur spricht die Existenz von Kult-Phänomenen in der postsowjetischen Gesellschaft für Veränderungen in der literarischen Öffentlichkeit. Diese betreffen das Bild des Autors, den Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit und die Einflüsse der neuen Medien.

Wie gesehen wird im Text selbst die Ablösung von den Idealen der šestidesjatniki beschworen, die auch lesbar ist als die absichtsvolle Absetzung des Autors Pelevin vom russischen Ideal des Autors als moralischer Instanz und Vertreter einer bestimmten literarischen Generation. Bewusst wählt die Hauptfigur des Romans im Gestus des Protestes gegen den Vater selbst einen neuen Vornamen (Vladimir) und ebenso bewusst hat Pelevin als Titel seines Romans im Anklang an den englischsprachigen Kulturkreis nicht "Pokolenie P", sondern "Generation P" gewählt und damit auf den Aspekt der Generierung, des Sich-Selbst-Erfinden-Müssens in Abkehr von den literarischen, russischen Vätern hingewiesen.

Diese Absetzung von den vorhergehenden Generationen und deren Verhältnis zur sowjetischen Vergangenheit trifft wiederum den Zeitgeist der jungen russischen Generation, die kaum noch die Ideen der šestidesjatniki teilt und keine genauen Kenntnisse mehr über die Sowjetzeit hat. Das Thema des sovok gerät allmählich aus der literarischen Mode (vgl. Kaganov: o.J.), zugleich aber gewinnen – wie die Werbetreatments in Pelevins Roman zeigen – Fragmente der sowjetisch-russischen Kollektivsymbolik, bereinigt um die negativen Vorzeichen, an medialer Präsenz. Ein Kult, der einheitlichen Sinn sowie Bezugspunkte liefert, anhand derer eine gemeinsame Geschichte konstruiert werden kann (22), bietet sich offenbar nur bedingt an, sodass zum eigentlichen Kult die reine Gegenwart zu werden scheint:

"Es wuchs eine neue Generation heran, die nur noch eine verschwommene Vorstellung davon hatte, worin sich Plechanov von Stachanov unterschied, und nicht den Wunsch verspürte, in den Archiven des ehemaligen KGB zu graben. Und es begann die Zeit darüber nachzudenken, wie das Leben nun weitergehen sollte und nicht zurück zu blicken. Das fühlte Pelevin als einer der ersten. Und machte die Gegenwart zum Objekt seiner Aufmerksamkeit." (Kaganov: o.J.) (Originalzitat)

In der russischen literarischen Öffentlichkeit verstört das Auftauchen eines Phänomens wie Pelevin, dessen Bücher vor allem auch als besondere Verkaufserfolge von sich reden machen, in ganz anderer Weise als im Westen. Reagiert wird auf diese Phänomene in den konservativen Literaturzeitschriften durch Abwertung der literarischen Qualität, aber auch durch den Ausschluss aus dem Kreis der 'hohen' Literatur über die Zuweisung einer besonderen Rezipientengruppe – den Jugendlichen oder Studenten, deren literarischer Geschmack sich noch nicht gefestigt hat (vgl. Kornev 1997: 244). All diese Reaktionen dürften dem Status des Kultigen im übrigen eher entgegenkommen als ihn behindern (23). Daher stärkten wohl auch die ersten Aktionen der Gruppe Iduščie vmeste, die im Februar 2002 dazu aufforderte, Bücher schädlicher Autoren wie Sorokin, Pelevin und Marx (!) an die Autoren zurück zu senden bzw. diese gegen moralisch höher stehende einzutauschen, die Popularität zumindest der beiden russischen Autoren eher, als dass sie ihnen schadeten. Derartige Anwürfe mindern zumindest nicht die singuläre Position, die der Kultautor Pelevin in der zeitgenössischen russischen Literatur einnimmt, wie es Kornev in der Novoe literaturnoe obozrenie schon 1997 mit dem Satz "So wie Pelevin schreibt, schreibt jetzt niemand" (Kornev 1997: 254) (Originalzitat) formulierte. Pelevin bedient sich zudem charakteristischer Mittel der Medialisierung, nicht nur seiner Texte, sondern auch seiner Person: So dient das bewusste Entziehen aus der Öffentlichkeit einer Steigerung des Interesses am Autor und seiner Mystifizierung (24), die ihm letztlich die Aura eines Popstars einbringen (vgl. Getmanskij: 2000). Die Medienpräsenz dagegen kann eindrucksvoll im Umgang Pelevins mit dem Medium Internet – und umgekehrt im Umgang des Mediums mit dem Autor – bestätigt werden. Eine Suchanfrage in der russische Suchmaschine rambler.ru unter dem Stichwort "Viktor Pelevin" ergibt derzeit über 3.000 Seiten. Darüber hinaus findet man Diskussionsforen, in denen nicht nur 'einfache' Leser, sondern auch Literaturkritiker und -wissenschaftler sich über Monate hinweg über Qualität und Ideengehalt der Werke Pelevins auseinandersetzten (25).

Dass Pelevin – wie der oft zum literarischen Underground gezählte Vladimir Sorokin (26) – darüber hinaus mit der Veröffentlichung von Generation P erstmals das Pantheon der russischen kulturellen Werte, die dicken Literaturzeitschriften, umgangen und seinen Roman zunächst in Fragmenten im Internet (27) und dann als Buch veröffentlicht hat, spricht wiederum für eine Veränderung in der literarischen Öffentlichkeit. In dieser Koinzidenz des medialen Verhaltens von Pelevin und Sorokin kann eine Annäherung von ehemaligem literarischem Underground und Mainstream gesehen werden, wofür auch die Übereinstimmungen in der Leserschaft sprechen (28).

Damit könnte in der Koinzidenz des medialen Verhaltens von vermeintlich massenkulturellen Phänomen (Pelevin) und (ehemaligem) Underground (Sorokin) die 1968 von Leslie Fiedler ausgegebene Parole "Close the gap!" (Fiedler 1968: 14) (29) über Pelevins bzw. Tatarskijs in diesem Sinne doppeldeutigen, weil nicht allein auf den Markennamen bezogenen Slogan "Enjoy the Gap!" (Pelevin 1999: 323) triumphieren.

 

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