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zur 6. tagung des jungen forums slavistische literaturwissenschaft in leipzig, maerz 2004 |
| Maria Brauckhoff (Bochum) | |
Boris Grebenščikov – Kult, Gott der Gegenkultur oder nationales Kulturgut? |
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1. Im Sessel des Präsidenten
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„Manchmal wachst Du im Sessel des Präsidenten auf / Und weinst,ohne zu wissen, wie Du hier hin geraten bist.“ (Originalzitat 1) (1) Als Boris Grebenščikov diese Zeilen des 2003 auf seiner CD Pesni rybaka (Lieder des Fischers) erschienenen Songs „Feečka“ schrieb, wusste er vermutlich, dass er schon bald wirklich (zumindest beinahe) „im Sessel des Präsidenten“ sitzen würde, denn das von langer Hand geplante Jubiläumskonzert zu seinem 50. Geburtstag sollte im Oktober 2003 (2) an keinem geringerem Ort als im großen Kreml’-Kongresspalast stattfinden, nicht weit vom Regierungssitz Vladimir Putins entfernt. Einen knappen Monat später ehrte Putin Grebenščikov am Vorabend des Geburtstages dann höchstpersönlich als „talentierten Dichter und Komponisten“ und „einen der wichtigsten Meister der modernen Kunst“, dessen Musik einen „ernsthaften Einfluss auf die Formierung der Jugendkultur“ (Nezavisimaja gazeta, 30.11.2003) geleistet habe und ließ dem seit über 30 Jahren unermüdlich um die russische Rockmusik bemühten Kopf der legendären Band Akvarium wenig später einen Orden vierter Klasse „Für Verdienste um das Vaterland“ überreichen.(3) Fans und Feinde Grebenščikovs nahmen diese Ehrung gleichermaßen mit gemischten Gefühlen auf und reagierten mit Protestschreiben. In einem Interview mit Aleksandr Kan aus der Russland-Abteilung des BBC vom 26.11.2003 erwähnt Grebenščikov jedenfalls, er habe eine „riesige Menge“ vorwurfsvoller Briefe erhalten, weil er den Orden angenommen habe und im Kreml’ aufgetreten sei.(4) Der Geehrte selbst fühlte sich daraufhin genötigt, sich im Nachhinein von der (wenn auch zärtlichen) Umarmung durch den Staat zu distanzieren. Er unterstrich die Unabhängigkeit seiner eigenen Position dabei mit den folgenden Worten: Mir ist klar geworden, dass ich niemandem mehr verpflichtet bin: weder dem Staat, noch den Fans, noch den Freunden, noch den Feinden – überhaupt niemandem eben. […] Ich war nicht auf der Seite der Kommunisten, und werde auch nicht auf der Seite dieser hier sein. Und je öfter ich so etwas höre, desto freier fühle ich mich.(Originalzitat 2) Den Orden nahm Grebenščikov dennoch an – vermutlich als Kompensation dafür, dass sich das „Vaterland“ in den vergangenen 30 Jahren keineswegs immer so verständnisvoll und dankbar für den Beitrag zur russischen Jugendkultur gezeigt hatte, den er als wohl einflussreichste Kult- und Identifikationsfigur der russischen Rockkultur der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geleistet hatte. |
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2. Wie alles begann
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Zwischen dem, der ich war, Und dem, der ich wurde, liegt ein unendlicher Weg. Als der Student der angewandten Mathematik Boris Grebenščikov im Juli 1972 in Leningrad gemeinsam mit seinem Schulfreund, dem Studenten der Theaterwissenschaften und jungen Dramatiker Anatolij „Džordž“ Gunickij (6) die Band Akvarium gründete (7), sah das von außen betrachtet zunächst einmal wie die Geburtsstunde einer weiteren sowjetischen Amateur-Band aus, die wie die meisten anderen dieser Bands dieser Zeit auch auf Tanzveranstaltungen der Universität Beatles-Songs covern oder ein paar eigene Lieder spielen würde. Jenseits dieser universitätsinternen Veranstaltungen oder Auftritte auf Hochzeiten, Parties oder in Privatwohnungen gab es – außer für einige wenige staatlich begünstigte Vorzeige-Popbands der offiziellen „Vokal-Instrumental-Ensembles“ wie Pesnjary (Die Spielleute), Vesёlye rebjata (Die fröhlichen Jungs) oder Pojuščie gitary (Die singenden Gitarren) – zu dieser Zeit laut Björn Fritsch ohnehin keine offiziellen Auftrittsmöglichkeiten.(8) Während der 70er Jahre wurde Akvarium daher außerhalb eines engen Insider-Kreises der Leningrader Rockszene kaum wahrgenommen. Dennoch war die Band außerordentlich aktiv, wie eine ganze Reihe von Tonband-Aufnahmen aus dieser Zeit dokumentiert.(9) Das erzwungene Untergrund-Dasein ermöglichte der Band einerseits einen relativ großen Freiraum für ihr musikalisches, theatralisches (10) und lyrisches Experiment, wurde von dem ehrgeizigen Grebenščikov andererseits jedoch schon damals gleichzeitig schmerzhaft als gewaltsame Abtrennung von den möglichen Zuhörern empfunden. Von Anfang an gab es in seinen Songs immer wieder mehr oder weniger ironisch gefärbte Überlegungen zu der Frage, wie es wohl wäre, ein Pop-Star zu sein. In dem Song „Stan’ pop-zvezdoj“ (Werde ein Pop-Star) aus dem 1974 erschienenen zweiten Tonband-Album der Gruppe, Pritči grafa Diffuzora (Die Gleichnisse des Grafen Diffusor), heißt es beispielsweise: Was kann im Leben einfacher sein: Kauf Dir einen „Fuzz“ und einen „Quack“, Kauf Dir einen mächtigen Verstärker, Gib den Musikern ein Zeichen Und werde Pop-Star... Um Dich herum kreischen die Mädchen, die Pop-Fans rennen Dir die Türen ein. Und das ist erst der Anfang, Was willst Du, Du Idiot? Du bist ein Pop-Star geworden. Statt vor kreischenden Fans singt die Gruppe zunächst allerdings noch weitgehend für sich selbst und einige wenige Freunde, vor allem aber ins Mikrophon des einfachen sowjetischen Tonbandgeräts, mit dem sie ihre ersten Alben aufnimmt. Hoffnung, dass diese Aufnahmen eines Tages ein größeres Publikum erreichen könnten, gibt es kaum. In dem Song „Bogi“ (Götter) konstatiert Grebenščikov ebenfalls 1974 dementsprechend ein bisschen pathetisch und vielleicht auch ein bisschen ironisch, auf jeden Fall aber mit autobiographischem Bezug: Jemand hat sich auf die Musik geworfen, weil er die Menschheit liebte. Aber niemand hört ihn, Er ist ein Sänger in sich selbst. |
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3. Von der unbekannten Amateurcombo zur Kultband oder: Der Aufstieg im Untergrund |
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Während der ersten Jahre seiner Karriere als Rockmusiker war Grebenščikov, um es noch einmal zusammenzufassen, ein ganz normaler sowjetischer Student gewesen, der in seiner Freizeit dem Hobby der Rockmusik mit zugegebenermaßen ungewöhnlicher Intensität nachging. Er hatte studiert, ein Examen abgelegt und schließlich eine Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Forschungsinstitut angenommen. Seine Zukunft innerhalb des Systems schien gesichert und vorhersehbar.(12) Seine musikalischen und poetischen Ambitionen hatte bislang nur ein kleiner Kreis von Freunden und Musikern zur Kenntnis genommen. Nur selten ergab sich die Gelegenheit, auf sowjetischen Amateur-Rockfestivals aufzutreten.(13) Erst 1979, im achten Jahr ihres Bestehens, erhielt die Gruppe den Status einer offiziellen Amateur-Band und damit das Recht auf einen eigenen Proberaum im Dom kul’tury (Kulturhaus) einer metallverarbeitenden Fabrik in Leningrad (vgl. Mejnert 1989, 16). Ein Jahr später, im März 1980, fuhr Akvarium nach Tbilisi, um auf dem Festival Vesennie ritmy. Tbilisi-80 (Frühlings-Rhythmen in Tbilisi 80) aufzutreten.(14) Zu dem Festival waren etwa dreißig Bands aus der ganzen Sowjetunion angereist, und eine offizielle Jury sollte die beste von ihnen auswählen. Als Akvarium (übrigens ganz brav in Anzügen) die Bühne betrat, kam es zum Skandal: (15) Statt artig den (keineswegs nur ungeschriebenen) Gesetzen der Bühnenetikette zu folgen und gesetzt und möglichst unbeweglich die Stücke herunterzuspielen,(16) tanzte die Band wild über die Bühne. Grebenščikov wälzte sich auf dem Boden und spielte seine Gitarre frei nach Jimi Hendrix mit dem Mikrophon-Ständer. Den auf den ersten Blick so sanft scheinenden Cellisten der Band, Seva Gakkel’, hielt es ebenfalls nicht auf seinem Stuhl und er stürzte sich samt seinem Instrument auf den am Boden liegenden Sänger. Die Festival-Jury versuchte verzweifelt, das Schlimmste zu verhindern, indem sie das Licht löschte und demonstrativ den tobenden Saal verließ. Wenige Tage später hatte die Band Gelegenheit, in Gori, der Geburtsstadt Stalins, ein zweites Konzert zu geben. Es dürfte vor allem an dem skandalumwitterten Auftritt in Tbilisi gelegen haben, dass dieses Konzert vom finnischen Fernsehen mitgeschnitten wurde. Die Aufnahmen gehören zu den frühesten Filmdokumenten über die Band.(17) Über Nacht hatte Akvarium Kult-Status erlangt. Doch auch wenn das Konzert heute zu Recht als der eigentliche Durchbruch der Band gilt, hatte es für Grebenščikov zunächst einmal verheerende Folgen: Der Gruppe wurde wegen angeblich homosexueller (!) und sittenwidriger Aktivitäten auf der Bühne der gerade erst bewilligte Leningrader Proberaum wieder entzogen, Grebenščikov selbst verlor seine Arbeit am Institut und wurde vorübergehend aus dem Komsomol ausgeschlossen. Eine Karriere innerhalb des Systems war damit für den gerade erst 26-jährigen unmöglich geworden, und eine Karriere als Popstar schien in der Sowjetunion unter diesen Umständen mindestens ebenso aussichtslos zu sein. 1981 sang Grebenščikov in den Lied „Geroi Rok’n’Rolla“ (Die Helden des Rock’n’Roll) dementsprechend resigniert: Es wird Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze. Ich bin es müde, ein Botschafter des Rock’n’Roll In einem unrhythmischen Land zu sein. Im Interview mit dem Regisseur Aleksej Učitel’ unterstrich Grebenščikov einige Jahre später, der Staat habe ihm mit seiner rigiden Haltung die schwierige Entscheidung zwischen einer „ordentlichen“ sowjetischen Laufbahn als Wissenschaftler oder „100-Rubel-Ingenieur“ (18) und einer Karriere als Rockmusiker abgenommen. Tagsüber gesellte er sich nun zu der illustren „Pokolenie dvornikov i storožej“ (Generation der Hausmeister und Nachtwächter), die er später in dem gleichnamigen Lied besang (19) und zu der neben ihm nicht wenige andere Helden der inoffiziellen sowjetischen Rockkultur gehörten (z.B. Viktor Coj, der als Heizer in einer Wohnanlage arbeitete, und Jurij Ševčuk, der Frontmann der Gruppe DDT (20), der als Hausmeister seinen Lebensunterhalt verdiente) (21), nachts machte er Musik. Akvarium war Teil der inoffiziellen russischen Rockszene geworden, die erst gut fünf Jahre später mit der „Perestroika“-Politik Gorbačëvs und der Abschaffung der Kategorie des „antisovetčik“ obsolet werden sollte (vgl. Boris Grebenščikov 2001). Gleichzeitig aber war Grebenščikov zum gefeierten Outlaw avanciert, was einer Karriere als Kultfigur in der Jugendkultur nur selten geschadet hat und was der Legendenbildung um seine Person einigen Vorschub leistete. |
| 4. Die Flucht nach innen: Der esoterische Grebenščikov |
Viele Lieder Grebenščikovs spiegeln in den frühen 80er Jahren das Gefühl wider, nun endgültig außerhalb von Staat und Gesellschaft zu stehen. Auf besonders anschauliche Weise ist dieser Außenseiterstatus in dem Lied „Ivanov“ dokumentiert, das um 1981 entstand und auf der CD Akustika zu hören ist. Der lyrische Held, ein junger Mann, gleicht zwar rein äußerlich allen anderen, verschmilzt aber bewusst nicht mit der Menge der ihn umgebenden sowjetischen „Normalbürger“, weil er ein ganz anderes inneres Leben führt als sie: Ivanov steht an der Haltestelle, wartet auf den Bus. Freut sich schon auf ein Gläschen Bier – Montag morgens ist das Leben eben schwer; Um ihn her einfache Leute, steigen stampfend in den Bus, drängeln Ivanov zur Seite, treten ihm ganz einfach auf die Flügel. Er kann nicht eins werden mit ihnen, Mit seinen Mitbürgern. In seiner Tasche steckt Sartre. In der ihren im besten Falle ein Fünfrubelschein. Und Ivanov liest in seinem Buch, Und da kommen Kontrolleure, Und bestrafen Ivanov, Montag morgens geht immer etwas schief. Wie sein Held Ivanov lebt Grebenščikov in den 80er Jahren sein Leben gleichsam parallel zum ihn umgebenden sowjetischen Alltag in einer selbstdefinierten (Innen-) Welt. Seine Musik sprengt den Rahmen der „offiziellen“ sowjetischen Popszene und experimentiert mit Jazz- Rock-, Pop-, Reggae-, Blues-, Weltmusik- und Folkelementen. Seine Texte, ganz Spiegel seiner inneren Emigration, werden zunehmend unkonkreter und symbollastiger, beziehen sich immer seltener auf reale Alltagssituationen. Statt politischer Stellungnahmen oder direkter Gesellschaftskritik, die – wenn sie überhaupt vorkommt – eher zwischen den Zeilen anklingt, kultiviert und forciert Grebenščikov die Erschaffung einer Gegenwelt zu der als ebenso öde wie existenzbedrohend empfundenen sowjetischen Realität.(22) Er zieht sich immer weiter in dieses Parallel-Universum zurück, das stark von seiner bereits Ende der 1970er Jahre begonnenen Lektüre von J.R. Tolkiens Lord of the Rings und der Suche nach einer höheren, spirituellen Welt geprägt ist. Seine Texte werden nun nicht mehr von den „fuzzes“ und „quacks“ der Rockkultur, sondern von rätselhaften Fabelwesen wie goldenen Pferden,(23) geheimnisvollen Drachen,(24) weißen Wölfen und Greifen, Einhörnern,(25) von Pfeilen und Schwertern aus mythischen Zeiten, von einem geheimnisvollen Stern namens Adelaida (26) und himmlischen weißen Städten (27) bevölkert. In dem Stück „Partizany polnoj luny“ (Partisanen des Vollmonds) erklingen schließlich sogar einige Zeilen in der von Tolkien erfundenen „Elbensprache“.(28) In Interviews erklärte Grebenščikov, der noch heute in Russland als einer der größten Tolkien-Spezialisten gilt und gern zu diesem Thema befragt wird, er verstehe Tolkien als Schöpfer einer Welt voller hoher ethisch-moralischer Werte, die der Erschaffung einer neuen Religion gleichkämen. Generell versteht er die Lyrik des Rock zu dieser Zeit und von nun an immer stärker als Medium der Sinnsuche, als meditative Annäherung an eine höhere, nur im Traum erfahrbare spirituelle Wahrheit. Konsequenterweise gesellten sich zu den pseudosakralen Helden Tolkienscher Prägung in den Grebenščikov-Songs in den 80er Jahren vermehrt auch Versatzstücke aus verschiedenen Religionen. Besonders häufig traten und treten dabei Gottheiten indischer Herkunft auf, die sich dem Einfluss George Harrisons und der späten Beatles zu verdanken scheinen.(29) Das geheimnisvoll-mystische, höheren Welten zugewandte Element wird in den Texten dieser Jahre zum eigentlichen Erkennungszeichen der Lyrik Grebenščikovs. Er entzog sich dabei allerdings ganz bewusst dem Zugriff durch seine Fans, die sich gerne als „edinomyšlenniki“ (Gleichgesinnte) des Sängers sehen wollten, der in ihren Augen immer mehr zum spirituellen Lehrer eines geheimen Wissens wurde. Nüchtern und fast postmodern stellte Grebenščikov dagegen wiederholt fest, dass ein gegenseitiges Verstehen zwischen dem Sänger und seinen Zuhörern bzw. zwischen den Menschen ganz allgemein unmöglich sei. Exemplarisch für den Topos des Unverstanden-Seins bzw. des Sich-Nicht-Verständlich-Machen-Könnens oder -Wollens erscheint nun vermehrt das Motiv der Stadt Babylon(30) in seinen Liedern. In dem Stück „Ryba“ (Der Fisch) vom 1984 erschienenen Album Ichtiologija (Ichthyologie), das er noch heute häufig auf seinen Konzerten singt, bringt er den Gedanken dann in direkter Hinwendung zu seinen Fans auf den Punkt: Aber wer hat euch gesagt, dass ich mit euch gesungen habe, Und dass wir über ein und dasselbe sangen? […] Babylon ist ein Stadt wie jede andere. Es lohnt sich nicht, darüber traurig zu sein. |
| 5. Vom Sänger zum Propheten |
Die Texte der Rockmusik werden für Grebenščikov ab Mitte der 80er Jahre immer stärker zur Waffe gegen die Orientierungslosigkeit des Subjekts in einer als fremd und feindlich abgelehnten (sowjetischen) Außenwelt. Rockmusik wird zum Medium der Sinnsuche, wobei sich alles auf ein Ziel konzentriert: auf die Suche nach sich selbst und nach Gott. Nicht wenige Lieder Grebenščikovs aus dieser Zeit stellen reine Gebete dar, so die Songs „Serebro gospoda moego“ (Das Silber meines Gottes), das Rasta-Gebet „Rutman“ (Rootman) oder das Lied „Derevo“ (Der Baum). Das lyrische Ich Grebenščikovs, der sich nun immer häufiger in einem Akt der Selbstmystifizierung als „BG“ bezeichnet, gefällt sich nun in der Rolle des Propheten, der seine Inspiration und seine Visionen direkt „von oben“ erhält und die reale Welt aus der gleichsam erhöhten Position des Halbgottes betrachtet. Besonders eindrücklich kommt diese neue Haltung in dem für Grebenščikov außerordentlich typischen Stück „Sidja na krasivom cholme“ (Während ich auf einem schönen Hügel sitze) aus dem Jahr 1984 zum Ausdruck: Während ich auf einem schönen Hügel sitze, habe ich häufig Träume, und es scheint mir, dass es nicht um Geld geht oder darum, wie viele Frauen man hat, Nicht um alte Folklore und nicht um die Neue Welle. Wir aber gehen blind durch seltsame Orte Und alles, was wir besitzen, ist Freude und Angst. Angst, dass wir schlechter sind, als wir sein könnten Und Freude darüber, dass wir in sicheren Händen sind. Der Sänger erfindet seine Texte nicht mehr, er destilliert sie aus Träumen und Visionen. Sie sind „Sny o čëm-to bol’šem“ (32) (Träume von etwas Höherem), die ihn aus anderen Welten erreichen und die er, der „umenie spat’ i videt’ sny“ (33) (die Gabe zu schlafen und Traumbilder zu sehen) besitzt, dem biblischen Joseph gleich nur noch deutet und in Bildern einzufangen versucht. In dem Song „Ėlektričestvo“ aus dem 1984 erschienenen Album Den’ serebra heißt es dementsprechend: Meine Arbeit ist leicht – ich betrachte die Welt. Zu mir kommt ein Motiv, und ich wähle die Worte. Doch jede Nacht, wenn der Stern aufgeht, höre ich das Plätschern von Wellen, die es hier nicht gibt. Je weiter sich Grebenščikov von der Realität der Sowjetunion entfernte, desto wichtiger wurden seine Aussagen für die ständig wachsende Gemeinde seiner jugendlichen Fans, die ihn nun geradezu als Guru ansahen (und bis heute ansehen). In dem Film Assa (1987), einer kinematographischen Hymne auf die verlorene „Generation der Hausmeister und Nachtwächter“ der 1970er und 80er Jahre, dessen Soundtrack Grebenščikov komponierte, lässt der Regisseur Sergej Solov’ëv dies seinen Haupthelden mit den folgenden Worten auf den Punkt bringen: „BG ist ein Gott. Von ihm geht ein Leuchten aus.“ (Originalzitat 11)(34) |
| 6. Gottgleicher Guru „BG“ oder Sänger der Perestroika? Von Image-Verschiebungen und ihrer Korrektur |
Mitte der 1980er Jahre hatte der „Mythos BG“ laut Guzel’ Š. Nugmanova seinen absoluten Zenit erreicht (Nugmanova 1999, 173-176). Doch auf dem Höhepunkt der „Perestroika“ stieg der sonst so betont realitätsferne Grebenščikov nun plötzlich in die Niederungen der realen sowjetischen Welt zurück, um gemeinsam mit seiner Band, die zu diesem Zeitpunkt vom Publikum schon nur noch als beliebig wechselnde Begleitung seiner Person wahrgenommen wurde, an der populären Fernsehsendung Muzykal'nyj ring (Der musikalische Ring) teilzunehmen, auf verschiedenen Festivals alle erdenklichen Preise und Auszeichnungen einzusammeln, acht große Konzerte im Leningrader Sportpalast Jubilejnyj zu geben und 1987 endlich auch offiziell unter dem Dach der staatlichen Plattenfirma Melodija seine erste Langspielplatte aufzunehmen. Es ist interessant, dass gerade in diese Zeit die Veröffentlichung des allgemein als „Perestroika“-Song interpretierten Titels „Poezd v ogne“ (1987; Der Zug steht in Flammen) fällt, den die Band zudem mit einem Videoclip illustrierte, in dem sie sich in Uniformmänteln auf dem Dach einer fahrenden sowjetischen Dampflok präsentierte. Der Titel stellt eine für die Lyrik Grebenščikovs eher seltene Ausnahmeerscheinung dar, nimmt er doch mit relativer Deutlichkeit auf die aktuelle politische Situation des Landes Bezug: Oberst Vasin fuhr an die Front mit seiner jungen Frau Oberst Vasin rief sein Regiment zusammen und sagte ihnen: Geht nach Hause. Wir führen schon 70 Jahre lang Krieg, Man hat uns beigebracht: das Leben ist ein Kampf. Doch nach neuesten Erkenntnissen Haben wir Krieg gegen uns selbst geführt. In der Euphorie der Perestroika-Zeit, in der erstmals offizielle Kritik am sowjetischen System möglich wurde, fühlte sich Grebenščikov offenbar zum ersten Mal in seiner Karriere nicht mehr als Outlaw, sondern dem neuen sowjetischen Staat zugehörig und zeigte dies ganz offen in einem seiner Lieder. Die in letzter Zeit (2003/4) in Interviews zu lesende rückblickende Beteuerung, er habe beim Schreiben des Stücks gar nicht den konkreten Zustand der Sowjetunion im Sinn gehabt, wirkt angesichts der Eindeutigkeit des Textes irritierend und unterstreicht nur die von Grebenščikov bis heute so gern eingenommene Pose des Propheten, der seine Motive im Akt der göttlichen Inspiration „aus der Luft“ saugt und so Dinge voraussehen kann, ohne an der Realität Teil haben zu müssen. Im Interview mit einem Journalisten antwortete Grebenščikov 2002 dementsprechend auf die Frage nach dem Bezug des Stücks „Poezd v ogne“ auf die Perestroikazeit in gewohnt verschleiernder und selbstmystifizierender Weise: Was das Lied betrifft, so wurde es nicht mit Bezug auf die konkreten Umstände geschrieben. Ich habe das geschrieben, was für mich interessant war. Dann habe ich mich umgesehen und mich gewundert, als ich sah, was passierte. Das passiert mit allen guten Liedern genau so.(Originalzitat 13) Bei aller Skepsis, die sich beim Lesen dieser Zeilen und des eindeutig auf die Perestroika bezogenen Liedtexts einstellt, ist jedoch festzuhalten, dass „Poezd v ogne“ trotz seiner außerordentlich großen Popularität ein eher solitäres „politisches“ (oder jedenfalls doch bewusst tendenziöses) Intermezzo innerhalb des ansonsten eher unpolitisch zu nennenden Gesamtwerks Grebenščikovs geblieben ist. Akvarium avancierte auch nach dem Erfolg des Songs nicht zur Vorzeigegruppe der Perestroika. Das wurde schon dadurch verhindert, dass die amerikanische Plattenfirma CBS Grebenščikov (und nicht etwa der gesamten Band) 1987 einen Vertrag zur Produktion von acht Langspielplatten in den USA anbot, den er auch tatsächlich annahm. Die Fans waren schockiert. Ihr Held hatte sie verlassen. Mit einem Schlag war der Mythos BG entzaubert (vgl. Nugmanova 1999, 173) und aus dem Helden war ein Verräter geworden. Grebenščikov kehrte indes bereits anderthalb Jahre später ernüchtert nach Russland zurück. Der Versuch, nun auch mit meist englischsprachigen Texten (35) auf dem amerikanischen und westeuropäischen Markt Fuß zu fassen, war gescheitert. Nach dem Höhenflug des Triumphes in Russland muss der Zustand des absolut beginners, der ihn in den USA erwartete, ein Schock gewesen sein.(36) Zudem lehnte Grebenščikov sich seinen eigenen Angaben zufolge schon bald gegen sämtliche Versuche der amerikanischen Produzenten auf, sich als typisch sowjetischer Rocksänger und als Musterbeispiel der im Westen so populären Perestroika vermarkten zu lassen. Nach Russland zurückgekehrt, gab er in Leningrad zunächst einige gemeinsame Konzerte mit der britischen Gruppe Eurythmics und Ray Cooper, um sich dann demonstrativ vom Westen abzuwenden und sich die gesamten 1990er Jahre hindurch verstärkt den eigenen, russischen Wurzeln zu widmen. |
| 7. Back to the roots – der „russische“ Grebenščikov |
Schon Anfang der 1980er Jahre hatte Grebenščikov gesungen: „Um stehen zu können, / muss ich mich an den Wurzeln festhalten.“ (Originalzitat 14) (37) An die Stelle von westlichen Einflüssen trat ab Mitte der 1980er Jahre dementsprechend immer stärker die russische Folklore. Die Band tourte durch die russische Provinz, dorthin, „wohin keine Züge mehr fahren“.(38) Grebenščikov besang – u.a. auf dem Russkij al’bom (1992; Russisches Album) – die Mythen, Schönheiten und Besonderheiten dieses Landes, das er nun wie neu für sich entdeckte. Kostroma, mon amour lautete programmatisch der Titel eines weiteren Akvarium-Albums von 1994. Es folgte eine intensive Auseinandersetzung mit den großen russischen Liedersängern Vertinskij (39) und Okudžava (40) sowie mit der russischen Volksmusik, die 1996 im Album Čubčik gipfelte. In einem Interview bezeichnete sich Grebenščikov 2003 gar als „narodnyj pevec“ (Volksänger), der die Sprache des Volkes spreche. Gerade diese in den 1990er Jahren forciert einsetzende innere „Russifizierung“, die mit einem lebhaften Interesse Grebenščikovs an der russischen orthodoxen Kirche, an russischer Musik und Kultur einherging, ist es meiner Ansicht nach, die ihn für die intensiv um die Wiederbelebung der nationalen russischen Idee bemühte heutige Regierung um den Präsidenten Putin so außerordentlich attraktiv macht. Mit der vor allem in politischer Hinsicht zu konstatierenden Unschärfe seiner Aussagen war Boris Grebenščikov schon immer eine geeignete Projektionsfläche für sehr verschiedene Geisteshaltungen und machte es so unterschiedlichen Gruppierungen leicht, ihn für sich zu vereinnahmen. Seine Autorität als Rock-Superstar führte in den vergangenen Jahren zudem dazu, dass er in seinen zahlreichen Interviews zu allen möglichen und unmöglichen Themen, besonders aber zu Religion und Politik befragt wurde. In einer für einen westlichen Beobachter kaum noch nachzuvollziehenden Weise wird von dem Star erwartet, Urteile darüber zu der fällen, welche Weltreligion die „richtige“, was von der Globalisierung zu halten sei, ob man zu den Präsidentschaftswahlen gehen solle oder nicht. Der zuweilen sichtlich überforderte, aber auch nicht von Eitelkeit freie Grebenščikov gibt – seinem Pflichtgefühl und dem Bewusstsein der eigenen Größe zeitweise bis zur Lächerlichkeit treu – auf alle Fragen gewissenhaft Auskunft. Nachdem er jahre-, ja jahrzehntelang außerhalb der sowjetischen Gesellschaft gestanden hatte, scheint es ihm jetzt Vergnügen zu bereiten, endlich gefragt zu werden. Fast scheint es, als habe die Mainstream-Kultur den ehemaligen Rebellen endgültig geschluckt. Bleibt zu hoffen, dass er sich trotz des Gewichts des Ordens bald wieder aus dem Sessel des Präsidenten befreien wird .(41) |