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zur 6. tagung des jungen forums

slavistische literaturwissenschaft

in leipzig, maerz 2004


 

Matteo Colombi (L’Aquila)
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Tschechien zum Vorbild nehmen: Ein Triester Intellektueller und die Zukunft Mitteleuropas in den Jahren 1912 bis 1914

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„… in der Unbeweglichkeit und in der Stille erschienen die Stadt, das Meer und die Hügel als ein einziges Stück, als von einem absonderlichen Künstler gestalteter und gefärbter Stoff…“: So stellte sich Triest den Svevoschen Geliebten in Senilità dar. Aber hinter der anscheinenden Unbeweglichkeit vibrierten Widersprüche und Unruhen, die zur Entdeckung neuer geistiger Horizonte und zum Entstehen eines Lebensstils und einer Zivilisation führten, die völlig eigentümlich waren, in denen verschiedenartigste Beiträge von Völkern und Kulturen sich verbanden. […] Nach seiner freiwilligen Unterwerfung unter Österreich (1) gelang es Triest, einen nur selten gebrochenen Ausgleich zwischen Venedig und dem Reich zu behalten. Die Verleihung des Freihafenprivilegs an Triest im Jahre 1719 durch Karl VI. von Habsburg und das von Maria Theresia unterstützte Handelsunternehmen kennzeichnen die Geburt des neuen Triest, Handelszentrum des Reiches. Wirtschaftlich orientiert nach dem Donauraum entwickelte die Stadt eine italienische Grenzkultur, welche die fruchtbarsten mitteleuropäischen Anregungen aufnimmt und neu interpretiert. Am Anfang des 20. Jahrhunderts machte die Anwesenheit von Joyce und Freud diese Vermittlungsfunktion zwischen unterschiedlichen Zivilisationen noch wirkungsvoller. Daher kommen aber auch die Meinungsverschiedenheiten und die Konflikte in der Triester Gesellschaft und Seele, die einerseits durch pragmatische, andererseits durch sentimentale Gründe unter Druck geraten waren. Die Risse und Ambiguitäten finden eine dramatische Form in den literarischen Texten von Scipio Slataper, Carlo und Giani Stuparich, Ettore Schmitz, dessen Künstlername, Italo Svevo,(2) diese Dichotomie explizit unterstreicht. Die Widersprüche explodieren mit den nationalistischen Spannungen und während des Ersten Weltkrieges, der im Jahre 1918 mit der Annexion Triests durch Italien beendet wird. (Damiani 1984, 194-204; Hervorhebungen M.C.)(3)

Einige Photographien, die Elio Ciol Triest in seinem Buch Friuli-Venezia Giulia (1984) widmet, veranschaulichen diese Kommentare von Licio Damiani. Das Buch ist inzwischen schon relativ alt, aber was Damiani schreibt, entspricht dem, was man auch heute über Triest in italienischen Reiseführern lesen kann. Triest hat unter den italienischen Städten eine besondere Stellung, weil es bis zum Jahre 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Dieses Erbe teilt Triest mit drei anderen (teils) italienischen Städten, und zwar Görz, Trient und Bozen. Im Unterschied zu ihnen hat Triest aber ein weiteres Merkmal: Es war der größte Hafen des Reiches und hatte dazu den privilegierten Status eines Freihafens. Die Hoffnung und die tatsächliche Möglichkeit, durch den Handel in Triest ihr Glück zu machen, hatte Menschen aus allen Reichsgebieten im Laufe des 18. und besonders des 19. Jahrhunderts nach Triest gezogen: Schlesier, Galizier, Böhmen, Mähren, Ungarn und Österreicher kamen in die Stadt um sich dem Handel zu widmen. Die Zugereisten waren nicht nur Untertanen der Habsburger, sondern auch Menschen aus Deutschland und Griechenland, weshalb man von „verschiedenartigsten Beiträgen aus verschiedenen Kulturen“ spricht, und weshalb das Wort „Mitteleuropa“ in Bezug auf Triest in den Reiseführern so häufig auftaucht: Es entstand der Mythos vom kosmopolitischen, mitteleuropäischen Triest.(4)

Andererseits spricht man auch (obwohl nicht so oft und selten genug ausführlich) von Triest als intoleranter und schließlich faschistischer Stadt: Die Slowenen, die in der Umgebung von Triest schon ungefähr tausend Jahre lebten, und die vor einem Jahrhundert ebenfalls angefangen hatten in die Stadt einzuwandern, wurden von der faschistischen Regierung Italiens und der faschistischen Verwaltung Triests verfolgt: Es wurde ihnen verboten ihre Muttersprache zu sprechen und ihre eigene Kultur zu entwickeln. Diejenigen, die sich widersetzten, wurden inhaftiert und besonders im Zweiten Weltkrieg kam es zu Massakern. Die slowenische Reaktion war die gewalttätige Unterdrückung der Triester Italiener im Jahre 1944, als die Armee von Tito die Stadt 40 Tage lang unter Kontrolle hatte: Viele Italiener wurden von den Slowenen in die foibe (Höhlen, deren Eingänge sich im Karst befinden) geworfen, teilweise sogar bei lebendigem Leib, so dass sie in den Höhlen an Verletzungen, Durst und Hunger starben.(5)

Diese Geschichte setzt sich in der Teilung des Triester Gebietes in zwei Besatzungszonen (der alliierten und der jugoslawischen Zone) während des Kalten Kriegs ebenso weiter fort wie in der offiziellen Annexion dieser Zone von Italien und Jugoslawien, im jugoslawischen Bürgerkrieg, in der Entstehung des unabhängigen Sloweniens und Kroatiens und der Rolle, welche die Erweiterung der EU heute in diesem Gebiet spielt. Aber auch ohne die Geschichte Triests in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart anzugehen, glaube ich, dass die Ereignisse, in deren Mittelpunkt die Stadt vom 18. Jahrhundert bis 1944 steht, ausreichen um zu zeigen, dass diese Geschichte zwischen zwei extrem gegenläufigen Tendenzen eingeschlossen ist: Kosmopolitismus und Nationalismus.

Für diejenigen, welche die Geschichte, die Kultur und die Literatur von Triest selbst erfahren haben oder kennen, ist klar, dass diese beiden Tendenzen immer gleichzeitig anwesend sind. Allerdings überwiegt zu bestimmten entscheidenden Zeiten die eine oder die andere: Unter dem Faschismus herrschte die nationalistische „Seele“ in Triest, vor dem Jahre 1848 und seiner Revolutions- und Nationalstaatslehre war wahrscheinlich die kosmopolitische überwiegend. Aber normalerweise vermischen sich die zwei „Seelen“ von Triest: In jeder Epoche existieren Gruppen, welche die eine oder die andere Perspektive vertreten. Dabei geht es aber nicht nur um eine kollektive Gesellschaftsfrage: Jedes Individuum in Triest, egal welcher Herkunft, muss sich mit diesen Tendenzen auseinandersetzen, und versuchen, sie in seinem Inneren in Einklang zu bringen. Das Ergebnis ist sehr vielfältig: Eher als zum totalen Kosmopolitismus oder Nationalismus zu neigen, schwanken die Leute manchmal mehr manchmal weniger bewusst, zwischen diesen beiden Extremen. Der Psychoanalytiker Franco Basaglia schreibt, dass es sehr beklemmend sei, sich immer „zwischen zwei Feuern“ zu befinden (vgl. Cergoly/Fölkel 1983, 104). Um die Angst zu bekämpfen kommt man zu irrationalen Entscheidungen und man zwingt sich dazu, alle Zweifel zu verdrängen und seine komplexe Situation nur zugunsten eines Pols (eines Feuers) aufzulösen. Deswegen finden wir Epochen der Radikalisierung in Triest, aber auch zu Zeiten, wenn anscheinend nur eine einzige Tendenz herrscht, glüht die andere unter der Asche, verdrängt, aber nicht gelöscht.

Aus einer anthropologischen Perspektive kann man sagen, dass diese Dynamik typisch für Grenzorte, wie Triest einer war und ist, ist, wo die Begegnung mit dem Äußeren und dem Anderen ein kontinuierlicher anstrengender Prozess ist. Man ist gezwungen die anderen zu sehen – man sieht sie jedes Mal, wenn man aus dem Fenster schaut. Aber gleichzeitig mit der Möglichkeit die anderen kennen zu lernen hat man auch Angst vor diesem Kontakt und davor die eigene Identität vielleicht zu verlieren: Jede Sicht auf das Andere ist irgendwie immer „gestört“. Triest erweist sich tatsächlich als ein Fenster zu Mitteleuropa und seinen verschiedenen Kulturen, allerdings als ein schmutziges Fenster: Die Triester jeder Nationalität sehen nicht gut hindurch und so entstehen Meinungsverschiedenheiten, Konflikte, Risse, Ambiguitäten, Dichotomien und Widersprüche, von denen auch in Bildbänden und Reiseführern die Rede ist.

Die Absicht des vorliegenden Beitrags ist es ein Stück dieser Welt vorzustellen. Bis jetzt habe ich manche allgemeinen Bemerkungen über die „Phänomenologie“ der Triester Kultur als Grenzkultur gemacht, nun möchte ich ein konkretes Beispiel heranziehen, d.h. eine Person, welche die Spannung zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus zu einer bestimmten Zeit mit bestimmten Charakteristika in Triest erlebt hat. Die Koordinaten dieses Beispiels sind einerseits das habsburgische Triest am Anfang des 20. Jahrhunderts, wenige Jahre vor dem Krieg, der das Ende der k.u.k. Monarchie bedeutete, andererseits der Triester Schriftsteller Giani Stuparich (1891-1961), der zu jener Zeit noch sehr jung, aber trotzdem sehr an seiner Stadt interessiert war, an ihrer Vergangenheit und Zukunft, an ihrer komplizierten Seele. Teil dieser Seele waren für ihn auch die Beziehungen der Stadt zur deutschen und slawischen Kultur. Ein interessantes Ergebnis dieses Interesses ist der Essay La nazione czeca (1912-1914 geschrieben, 1915 veröffentlicht; Die Tschechische Nation) über die Geschichte, die Politik, die Kultur und die Kunst Tschechiens (6) von ca. 1800 bis 1915. Es sieht also so aus, als hätte Stuparich zu den Kosmopoliten Triests gehört, aber es ist, wie gesagt, zu jeder Zeit immer schwer etwas in Triest zu finden, was ausschließlich kosmopolitisch oder ausschließlich nationalistisch ist, und eine Analyse von La nazione czeca wird diesen Punkt auch belegen. Bevor ich mich auf den Text konzentriere, möchte ich aber die Koordinaten dieses Beispiels genauer angeben. Zunächst zur Situation Triests zwischen 1900 und 1914:

1) In der Stadt Triest lebt eine italienische Mehrheit, aber auch eine große slowenische Minderheit. Außerdem besteht die Landbevölkerung zu einem wesentlich größeren Teil aus Slowenen. Zusammen bilden die beiden Bevölkerungsgruppen ein gemeinsames Sozial und Wirtschaftssystem, in dem die Italiener die reichen Händler oder Fachleute, die Slowenen hingegen die armen Bauern oder Arbeiter sind.

2) Triest ist der Hafen des Reiches: Händler aus dem ganzen Reich, viele aus slawischen Gebieten, fahren nach Triest. Banken und Versicherungsagenturen haben dort wichtige Filialen. Wie Giani Stuparich in seinem Essay darstellt, eröffnete die größte tschechische Bank des Reiches, die Živnostenská Banka, im Jahre 1909 eine Filiale in Triest (Stuparich 1922, 48).

3) Die italienische Mehrheit Triests hält sich zwar für Italiener, aber sie sind ziemlich merkwürdige Italiener: Viele Triester Italiener sind dies erst seit zwei oder drei Generationen. Ihre Vorfahren stammten aus anderen Gebieten Europas und kamen wie gesagt nach Triest um ihr Glück zu machen, als die Stadt zu einem großen Hafen wurde. Viele kamen aus slawischen Regionen: Stuparich ist eigentlich ein italienisch kroatischer Nachname und seine Familie stammte aus Dalmatien. Der beste Freund Stuparichs, der Triester Schriftsteller Scipio Slataper, ist tschechischer oder slowakischer Herkunft: Slataper kommt von zlaté pero (goldene Feder). Obwohl diese Familien italienisiert sind, waren ihre Ahnen Ausländer, sehr oft Slawen. Auf eine slawische Herkunft waren die Italiener allerdings nicht besonders stolz: „Slavo“ heißt in Triest vor allem Slowene oder Kroate und Slowene oder Kroate heißt normalerweise entweder Bauer oder Fabrikarbeiter. Italiener bedeutet dagegen Händler oder Unternehmer. In Triest laufen Volkszugehörigkeit und Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht parallel. Infolgedessen verdrängen die italienischen Bürger und Kleinbürger, die aus slawischen Gebieten stammen, das Bewusstsein ihrer Herkunft, weil die Italienität und nicht das Slawentum in Triest das Symbol von Wohlstand und Bildung ist.

Abschließend: Triest ist eine multikulturelle Stadt, in der die slawische Komponente anwesend ist, aber unterdrückt wird.

Als Stuparich im Jahre 1912 an seinem Essay zu schreiben beginnt, leidet Österreich Ungarn unter vielen Spannungen: Die Völker des Reiches, die im Westen von den Deutschen, im Osten von den Magyaren beherrscht werden, verlangen gleiche Rechte. Diese Spannungen erlangen auch in Triest Einfluss:

1) Wie überall im Reich ist die Bürokratie meistens in der Hand der Deutschen. Italiener und Slowenen protestieren gegen diese Form der Diskriminierung.

2) Die Slowenen beklagen, dass der Handel nur von Italienern/Italienisierten kontrolliert wird. Sie wollen nicht mehr die „armen Diener“ der Italiener sein und suchen nach einer Möglichkeit eine eigene Bourgeoisie zu entwickeln.

Die Rivalität zwischen Italienern und Slowenen bewirkt, dass keine Allianz gegen die deutschen Regierungsbeamten aus Wien zu Stande kommt, sondern dass Italienern und Slowenen getrennt gegen diese kämpfen, jeder mit seinen eigenen Nationalparteien und bewegungen. Diese sind aber homolog strukturiert: Sowohl Slowenen als auch Italiener sind in vier Gruppen geteilt:

I. Die Anhänger der Habsburger: Sie wollen den status quo erhalten.

II. Die Nationalisten: Sie kämpfen für die Vorherrschaft des eigenen Volkes in Triest. Die italienischen Nationalisten wollen zudem, dass Triest ein Teil des Königreiches Italien wird.

III. Die Sozialisten: Sie sind gegen den Nationalismus, für eine demokratischere Organisation des Reiches, durch die alle Völker gleichberechtigt werden. Sie schlagen eine Föderation vor, in der sich jedes Land selbst verwaltet und in der Deutsche oder Magyaren die Macht nicht mehr zentralisieren und monopolisieren.

IV. Die Republikaner: Sie wollen die Unabhängigkeit Triests vom Reich und die Entstehung einer italienischen bzw. jugoslawischen Republik. Die italienischen Republikaner streben also die Einheit mit Italien an, stimmen aber mit den Auffassungen der Monarchie nicht überein.(7)

In dieses Panorama muss jetzt Stuparich gesetzt werden: Was für eine Position hatte er? Diese Frage bringt uns zur Bedeutung des Werkes La nazione czeca. Dieser Essay ist Stuparichs Antwort auf die Probleme des Reiches und Triests, Ausdruck vor allem seiner politischen Meinung. Schon während des Gymnasiums hatte Stuparich die Treffen der italienischen Sozialisten und Republikaner besucht: Beide Gruppen waren demokratisch, aber die Sozialisten setzten sich für ein österreichisches Triest ein, die Republikaner für ein italienisches. Stuparich fand sowohl die italienische Kultur Triests als auch seinen Kosmopolitismus und die Präsenz der Slowenen sehr wichtig für die Identität der Stadt, deswegen interessierte er sich für die politischen Auffassungen der beiden Gruppen. Er stand allerdings den Sozialisten näher: Seiner Meinung nach hätte das Reich der beste Staat Europas werden können, wenn es reformiert worden wäre: ein Beispiel des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit unterschiedlicher Völker für ganz Europa. Diese Idee war jedoch ziemlich abstrakt, da der junge Stuparich immer nur in Triest gelebt hatte und keine direkten Erfahrungen mit anderen Ländern des Reiches hatte. Im Jahre 1912 kommt es aber zu einer Wende für Stuparich: Er fährt nach Prag um an der deutschen Universität der Stadt zu studieren. Das gibt ihm die Möglichkeit einen anderen Teil des Reiches kennen zu lernen. Diese Erfahrung ist für ihn entscheidend: Stuparich interessiert sich für die tschechische Kultur und gewinnt auch Basiskenntnisse der Sprache. Es liegt in seinem Interesse zu verstehen, wie die Tschechen gegenüber dem Reich eingestellt sind und er will ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Gesellschaft der Geschichte, Kultur und Gesellschaft der Triester Italiener gegenüberstellen. Je besser Giani Stuparich die tschechische Welt kennt, desto mehr ist er davon überzeugt, dass Tschechien ein Vorbild für alle anderen Länder des Reiches sein muss (Bertacchini 1968, 22f.). Um sich mit diesem Vorbild vertrauter zu machen und um seine Erkenntnis in Triest und Italien zu verbreiten, schreibt der junge Schriftsteller La nazione czeca. Die Geschichte der Tschechen im 19. Jahrhundert wird in seinem Essay als die Geschichte eines politisch und moralisch positiv zu bewertenden risorgimento (Wiedergeburt) par exellence dargestellt: Nach Stuparich hat das tschechische obrození (Wiedergeburt) den großen Vorzug niemals extrem gewesen zu sein. Die Mäßigung, der Ausgleich des tschechischen obrození hat für Stuparich zwei Hauptcharakteristika:

1) Die Tschechen haben ihre alte Geschichte und Literatur wiederentdeckt, ohne dass die Erinnerung an Jan Hus oder an Jan Amos Komenský sich in einen Nationalkult verwandelt habe. Die Tschechen nahmen immer noch an, dass die deutsche Kultur der Aufklärung und der Romantik eine große Rolle in der eigenen Kultur gespielt habe und dass das Werk von Josef Dobrovský oder František Palacký ohne ihre Kenntnis der deutschen Geisteswissenschaftler, z.B. von Immanuel Kant (Stuparich 1922, 87) nie möglich gewesen wäre.

2) Die Tschechen haben das Recht auf eine autonome Politik wohl beansprucht, aber ohne zu übertreiben: Sie haben nicht auf den russischen Panslavismus vertraut, weil er ihnen zu imperialistisch erschien. Sie haben wenig daran gedacht, dass die Slawen die größte Macht Europas werden müssten. Sie haben verstanden, dass Österreich eine große Rolle in Europa spielt, indem es die mächtigeren Staaten Deutschland und Russland hindert zu stark zu werden und ganz Mitteleuropa zu erobern. Infolgedessen haben sie die beste Politik gegenüber dem Reich geführt: Manchmal mit politischer Obstruktion, manchmal mit Zusammenarbeit mit den Institutionen haben sie versucht das Reich demokratischer und moderner zu machen. Die Mladočeská strana (Jungtschechische Partei) kämpfte im Parlament, damit Laienschulen erlaubt wurden und das allgemeine Wahlrecht genehmigt wurde und das nicht nur in Tschechien, sondern im ganzen Reich, weil die Tschechen wussten, dass je moderner das ganze Reich wird, seine Völker desto besser leben und desto weniger von Wien kontrolliert werden (Stuparich 1922, 24).

Interessant ist es zu sehen, welche Gründe dieses weise, ausgeglichene Erwachen des Nationalbewusstseins in Tschechien – Stuparichs Meinung nach – ermöglichen:

1) Ein Merkmal des tschechischen Geistes ist ein sano pragmatismo (gesunder Pragmatismus): Die Tschechen streben nach guten realen Lebensbedingungen und vertrauen nicht auf die Ideologie der großen Mächte, die das Paradies versprechen, während sie in Wirklichkeit versuchen die Kleineren auszunutzen:

es ist nicht daran zu zweifeln, dass die tschechische Nation ihre besten Energien aus der Erde schöpfte, vom Landvolk, das der Bewahrer der alten hussitischen Tradition war; es war daher natürlich, dass sich die tschechische Tradition auf einer demokratischen Basis entwickeln und eine demokratische Nation schlechthin werden sollte. (Originalzitat 1)

2) Das tschechische obrození wird von großen Persönlichkeiten geleitet, welche die Nation erziehen: Stuparich nennt sie „seminatori“ (Säer, Sämänner). Stuparich widmet z.B. František Palacký und Karel Havlíček ein ganzes Kapitel. So beschreibt er beispielweise den Sinn der Forschung von Palacký über die tschechische Geschichte:

Man muss sich dem Studium der Vergangenheit nicht mit der Absicht widmen, sie auf die Leinwand der glückseligen Illusionen zu projizieren, sondern mit dem Willen, ihren intimen Wert und ihre Grundidee zu suchen, damit diese Idee, die im Gewissen belebt wird, zu einem neuen frischen Grund großer Nationaltaten werden kann. (Originalzitat 2)

Und Stuparich fügt hinzu, dass Palackýs Geschichte von Böhmen „il primo di questi grandi atti nazionali“ (Stuparich 1922, 14; die erste dieser großen Nationaltaten) gewesen sei, weil viele Tschechen sie lasen und „nel nome di Giovanni Hus si riaccese per la seconda volta la fede nazionale“ (Stuparich 1922, 14; im Namen von Jan Hus der Nationalglauben zum zweiten Mal wiederentbrannte).

Stuparich denkt, dass das Denken und die Politik von T.G. Masaryk die Spitze dieses historischen Prozesses ist, durch den sich das Bewusstsein der Tschechen so gut entwickelt hat. Stuparich behauptet, dass Masaryk einen vollkommenen Ausgleich zwischen Sozialismus-Kosmopolitismus einerseits und Patriotismus andererseits gefunden habe. Der zukünftige Präsident der Tschechoslowakischen Republik folge Palacký und denke:

die Wirklichkeit war, dass Österreich als ein Mehrvölkerstaat existierte, dass man nicht mehr zurück konnte, und […] es besser war, den Staat dem modernen Zivilisationsprozess zufolge und zweitens der Gerechtigkeit nach verändern zu wollen, weil auch die tschechische Nation ihre Rechte in einem so veränderten Staat verwirklicht hätte. (Originalzitat 3)

Es wird deutlich, dass Stuparichs politische Auffassungen denjenigen von Masaryk sehr nahe standen. Wobei Masaryk jahrelang ausführlich theoretisch ausgearbeitet hatte, was der junge Stuparich weder systematisch noch argumentativ entwickelte, d.h. die Idee eines „Österreichs der Völker“ statt „eines Österreichs des Kaisers“, wo alle Nationen gleichberechtigt und autonom sind, wo sie in einer Föderation zusammengeschlossen sind, weil ihnen bewusst ist, dass die Vereinigung nur Vorteile bringen kann. Stuparich liest vieles, was Masaryk über Politik geschrieben hat und vertieft sein Verständnis dieses föderalistischen Projektes.(8) Es ist offensichtlich, dass Stuparich von der Geschichte Tschechiens ein ideologisches Bild hat: Er will demonstrieren, dass die Politik von Masaryk das notwendige natürliche Produkt einer Nation ist, die in ihrer Geschichte einen Ausgleich zwischen Autonomie und Zusammenarbeit mit anderen Völkern gesucht hat – einer Nation, die niemals nach Macht über andere gestrebt hat, sondern immer nach einem authentischen und guten Leben in ihrem Land strebte. Die historische Rekonstruktion von Stuparich will seine eigene (und auch Masaryks) ethisch begründete politische Position gleichzeitig auch rechtfertigen: Tschechien ist aus seiner Sicht der am besten organisierte, der reichste und der progressivste Teil des Reiches, weil Tschechien immer an die Zusammenarbeit der Völker des Reiches geglaubt hat, und das im Unterschied zu anderen Völkern wie den Deutschen und den Magyaren, die vor allem nach ihrer eigenen Macht strebten, aber auch im Unterschied zu der Mehrheit der Italiener und Slowenen von Triest, die zu egozentrisch und nationalistisch sind.

Begriffe wie „pragmatischer Geist der tschechischen Nation“, „Idee der Nation“, oder „Säer“ und „Väter der Nation“ waren typisch für die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die oft teleologisch und zweckgerichtet war.(9) D.h. sie wollte demonstrieren, dass die Entwicklung einer Nation einem Weg folgt, der kein anderer sein könnte. Zur Zeit von Stuparich argumentiert die nationalistische und imperialistische Geschichtsschreibung, die Ruhm, Sieg und Macht als Schicksal der eigenen Nation darstellen will und den Imperialismus damit rechtfertigt, noch immer teleologisch. Das Interessante bei Stuparich ist, dass seine ideologische Rekonstruktion nicht im Dienst eines aggressiven Nationalismus, sondern im Dienst des Kosmopolitismus steht: Er will eine Föderation von unterschiedlichen Völkern schaffen, in der sich Autonomie und Abhängigkeit vermischen.

Stuparich gibt uns in seinem Essay seine Definition von Mitteleuropa. Die Debatte über Mitteleuropa – was es ist, was es sein muss oder kann – war ursprünglich eine deutsche Debatte. Die deutschen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts vertraten die Auffassung, dass die Schaffung eines zivilisierten Mitteleuropas eine Aufgabe ihrer Kultur sei. Anders gesagt: Die Deutschen hätten die Slawen und die anderen östlichen Völker zu zivilisieren. Die Debatte drehte sich um die Natur dieses Zivilisierungsprozesses: Sollte er eine militärische Kolonisation sein? Sollte er nur kulturelle und wirtschaftliche Aspekte haben? Welche Autonomie hätten die anderen Völker gegenüber den Deutschen beanspruchen können? Trotz der verschiedenen Positionen war es immer selbstverständlich, dass die Deutschen die Vormacht vor den anderen Völkern haben würden (Le Rider 1994). In einem solchen Panorama sind die Definitionen Mitteleuropas von Stuparich und von Masaryk eine Ausnahme. Das ist insofern selbstverständlich, als die beiden keine Deutschen waren und sie den Begriff Mitteleuropa nicht mit der deutschen Vormacht im Donauraum verbanden. Ihr Mitteleuropa bzw. ihre Donauföderation hatte folgende zwei Hauptcharakteristika:

1) Sie will das letzte Kapitel der europäischen Nationalbewegungen und risorgimenti werden: Durch eine mitteleuropäische Konföderation muss den noch unterdrückten Völkern Mitteleuropas die Freiheit garantiert werden.

2) Sie will zwischen den entgegengesetzten Bedürfnissen des Kosmopolitismus und des Nationalismus vermitteln. Ihre Lösung ist die Vereinigung der Kleinen: Zu klein um gegeneinander zu kämpfen, aber zusammen groß genug, um sich gegen die Großen verteidigen zu können.

Es ist interessant, dass diese Konzeption besonders in Tschechien und zum Teil auch in Triest, von Giani Stuparich und von anderen theoretisch konzipiert wurde. Man kann sich auch fragen, warum das so ist. Ohne diese Frage ausführlich zu beantworten, kann man feststellen, dass Tschechien und Triest die reichsten Regionen des Reiches waren: Tschechien dank der deutschen und tschechischen Industrie und Triest dank des Hafens. In beiden Regionen war man sich darüber im Klaren, dass Österreich der Garant für jenen Wirtschaftsraum war, in dem dieser Wohlstand erzeugt wurde. Wenn Triest zu Italien gehört hätte, wäre es einer der vielen Häfen des italienischen Staates geworden und hätte seine Privilegien als Haupthafen eines Reiches verloren (dies wird in der Tat nach dem Ersten Weltkrieg geschehen).

In diesem Kontext sind die Voraussetzungen gegeben, damit Stuparich von der tschechischen Kultur angezogen wird, dafür, dass er Masaryk liest und Tschechien als Vorbild für Triest und das ganze Reich wählt. Seine Position ist sicher offener als die meisten seiner Zeit in Triest, aber man muss bemerken, dass Stuparich, obwohl er ein so großes Interesse für die Tschechen hat, sich mit den heimischen Slawen von Triest, nämlich den Slowenen (aber auch die Kroaten waren in der unmittelbaren Umgebung, in Istrien, und eine kroatische Gemeinschaft lebte direkt in Triest), nicht beschäftigt,. Es ist sicher wahr, dass die Tschechen wegen ihrer antideutschen Politik im Reich bekannter als die Slowenen waren, besonders bei den progressiven Intellektuellen wie Stuparich. Außerdem hatte er in Prag studiert und daher die Möglichkeit gehabt, die Tschechen in ihrer lebhaften Hauptstadt kennen zu lernen. Man muss aber auch bemerken, dass die Slowenen direkt in Triest, Stuparichs Heimatstadt, lebten und dass sie eine eigene politische Kultur und eine eigene Literatur, genauso wie die Italiener, entwickelten. Die slowenischen Sozialisten zeigten auch Kooperationswillen und die Bereitschaft zur Öffnung gegenüber den Italienern, obwohl das national gespaltene Leben in Triest sie ab dem Jahre 1908/1909 zu „resignativen Haltungen hinsichtlich der Koexistenzmöglichkeit von interkulturellen und nationalkulturellen Projekten und der erhofften demokratisch-föderalistischen Transformation der Monarchie“ (Kucher 1989, 70) gebracht hatte. Bei Stuparich findet man kaum Verweise auf die slowenische Kultur Triests: Interessierte er sich dafür? Er bezieht zwar sein ganzes Leben lang für das Zusammenleben von Italienern und Slowenen in Triest Stellung, es gibt jedoch keinen konkreten Beweis effektiven Interesses, wie es La nazione czeca in Bezug auf die tschechische Welt ist. Seine Haltung entspricht den Erklärungen der Literaturwissenschaftler, die den Internationalismus der linken italienischen Intellektuellen als eher theoretisch einschätzen und auf Interesselosigkeit, Misstrauen oder Angst in der Praxis hinweisen. Stuparich plante mit Freunden die Herausgabe einer Triester Zeitschrift, die sich neuen Ausrichtungen in der Kultur und Politik Europas widmen sollte: Im Rahmen dieses Projektes hätte er sich für die slawischen Länder und Völker interessieren müssen. Wegen des Kriegsausbruchs blieb das Projekt unrealisiert: Wir können daher nicht wissen, ob Stuparich sich eventuell für die Slowenen interessiert hätte.

Der Krieg bringt uns aber dazu, ein großes historisches Problem zu streifen: Der Erste Weltkrieg ändert alles, was ich bis jetzt dargestellt habe. Sowohl Masaryk und die Tschechen, als auch Stuparich und andere Triester verlieren ihre Hoffnungen auf eine demokratische österreichische Föderation, boykottieren das Reich und kämpfen dagegen. Diese Ereignisse spiegeln sich auch in der Geschichte von La nazione czeca wieder: Stuparich wird den Essay nach dem Krieg erweitern und im Jahre 1922 erneut publizieren (mit einer orthographischen Variation im Titel: La nazione ceca) (10). In einem langen zweiten Teil wird er erklären, wie und warum Masaryk und die Mehrheit der Tschechen, die sich für die weitere Existenz des Reiches eingesetzt hatten, ihre Meinung während des Krieges änderten. Es wird noch einmal deutlich, dass Stuparich eine neuerliche Parallele zwischen seiner und Masaryks politischen Auffassungen sieht: Beide haben auf den Traum einer mitteleuropäischen Völkerföderation verzichten müssen, um die nationale Unabhängigkeit durch die Gewalt des Krieges zu erreichen. Dieses Thema würde genug Stoff für einen weiteren Artikel bieten: Die Wende in Masaryks Politik einerseits und im politischen Traum von Stuparich andererseits gehört zum Ersten Weltkrieg, zu seinen Ursachen und seinen Folgen. Und sie gehört auch – im Falle Stuparichs – zur Grenzwelt Triests, wo das Leben und das Denken oft zwischen kosmopolitischer Öffnung und nationaler Abgrenzung schwanken, während die Geschichte und die Ideologien mit ihrem Wandel sie daran hindern einen festen Ausgleichspunkt zu finden.


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